Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 856.
Gin Meister der schwarzen Kunst.
AltkölnischeS Stücklein.
(Aus der Kölner Ztg).
Hast du im wilden Tannenwald jemals einen halb- verfaulten Baumstrunk erblickt, worin ein geschäftiges Ameisenvolk sich angesiedelt, so kannst du auch ohne Mühe dir das Haus des Meisters Johannes Quentel vorstellen. Es wimmelte und krabbelte darin von schwarzen Gesellen und Jungen, die sich „emsig" rührten und regten, und häufig genug, gerade wie die Ameisen ihre Larven, weiße Lasten hin und her schleppten. Diese Ameiseneier waren aber kein Futter für Nachtigallen und Grasmücken, sondern Papierballen. Meister Johannes, von Nachbarn und Gevattern gewöhnlich Lur-Hennes geheißen, war seines Zeichens ein Buchdrucker. Der Beiname kam nicht etwa von den Luchsaugen des Meisters her, wiewohl eS ihm daran nicht fehlte, sondern von der Inschrift über seiner Thür. Weil nämlich dazumal Gutenberg's edle Kunst im Munde des Volkes noch die schwarze hieß, so hatte Quentel auf sein Haus daS Sprüchlein gesetzt: „Atro colore nascitur lux;“ was zu Deutsch lautet: „Aus schwarzer Farbe wird das Licht geboren." Selbiges HauS stand zwischen dem RathhauS und Sankt Maria im Kapitol zu Köln, also „selbstredend" (wie Die von Köln sich auszudrücken pflegen) ;in einer engen Gasse. Mit überhangenden Stockwerken streckte es sich empor, schlank und hoch, gleich der Erbesche, welche im Höfchen dahinter zwischen Feuermauern eingezwängt himmelan und lichtwärts strebte. Solche Häuser und solche Bäume finden sich aus gleicher Ursache heut zu Tage noch häufig in der heiligen Stadt, und eben darum gibt es auch daselbst so viele hochgewachsene Jungfern und Frauen. Die Männer lassen sich das Heimweh nach oben bisweilen nicht so anmerken, weder im Geiste, noch im Fleische. —
Unter dem Spitzbogen aus gehauenem Steine führte von der Gasse die Pforte in das Unterhaus, geräumig im Verhältniß zu des Gebäudes Größe, doch zu eng für die aufgeschichteten Stöße bedruckten und unbedruckten Papieres. Es schien leichter beinahe, sich am belebtesten Markttage durch daS Gedränge und Gewimmel unter der „Pfaffenporz" hindurch zu winden, als hier zwischen dem Geröll von Ballen. Im Hintergründe, neben dem schmalen Gange zur Hofthür, ließ die Dämmerung kaum ein Etwas erkennen, das sich um einen Pfeiler gewunden treppenartig in nächtige Höhen verlor. Zur Linken vergönnte die GlaSthür einen Blick in das Unterstübchen, das wie ein Schwalbennest in der Ecke klebte, und vom , Tageslicht just so viel, als von der Gasse auS eben zu gewinnen stand, durch die sechseckigen Scheiben eines doppelt gekoppelten Fensters empfing.
In dieser Höhle war Hennes vom Montag in der Früh bis SamstagS am Abend immerbar zu treffen, mit Ausnahme der Augenblicke, worin er im Hintergebäude den „Gesellen der schwarzen Kunst" am Setzkasten und am Preßbengel auf die Finger sah. Alle übrige Zeit kauerte er hinter dem Tische von Eichenholz in der Tiefe des bequemen Lehnstuhles, dergestalt, daß er Alles zu übersehen vermochte, was sich im Vorhaus irgend regte; er hatte nämlich die GlaSthüre nicht zum Hereinschauen einsetzen lassen, sondern um dadurch hinaus zu lugen.
Wiederum war eine mühselige Woche vergangen. Am Tage des Herrn stand der Lehnstuhl im Unterstübchen leer, ruhten Lettern und Pressen. Mit gesträhltem'Haar und weißgescheuerten Händen prunkten nach der Vesper die Gesellen im Sonnlagsgewand durch die Gassen, um da und dort vor den Thoren Gottes frische Luft und des Wirthes kühlen Wein zu schlürfen, beide wohlverdient. Der sonnenhelle Septembertag erwies sich dem Beginnen hold. Dennoch lockten heute des Himmels Blau und