Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — â 855.
Das Bivouac, oder eine Nacht an der Mündung des Ohio
Eine Reisegeschichte auS dem amerikanischen Westen.
(Fortsetzung und Schluß.)
Unsere Gesellschaft zahlte sieben Männer, mit Ein- ; schluß von zwei Kaufleuten aus St. Louis, die auS dem Osten zurückreisten. Sie hatten sich wenige Schritte von uns gelagert, gesellten sich aber auf ergangene Einladung zu unS. Wir besaßen Waffen, — das so eben erwähnte Doppelgewehr, neun Pistolen und die Bowiemesser, und hinreichend genug Pulver und Blei, — deshalb waren wir gewiß, jedem, der uns belästigen möchte, einen guten Empfang zu bereiten; denn wir wußten, daß vertheidi- gungslose Parthien bivouakirender Reisender von bewaffneten Banditen überfallen und alles ihres Gepäcks und der Juwelen an ihren Personen beraubt worden waren. Ebenso hatten wir von Reisenden gehört, die an diesem Punkte landeten und sich nie wieder einschifften. Wir luden deßhalb schleunigst unsere Waffen, stellten eine Wache auf, sowohl zu unserer Sicherheit, wie zur Beobachtung des erwarteten Steamers, wenn er während der Nacht eintreffen sollte, um die Uebrigen bei seiner Annäherung aufzuwecken, und lagerten uns um unser Bivouac her. Die Damen verfügten sich bald zur Ruhe und vertrauten auf unsern Schutz. Hr. Townley erwies sich als ein Mann von entschlossenem Charakter; denn die wahrscheinliche Gefahr, in der die Reisegesellschaft schwebte, entriß ihn den tiefsinnigen Betrachtungen über seinen eigenen Kummer, um mit den Gefühlen derer, die um ihn waren, zu sympathisiren.
Der Mond schien sehr hell und die beiden großen Ströme flossen majestätisch vorüber. Ihre breiten Flächen glichen Strömen von geschmolzenem Stahl, die sich eine Meile unterhalb der Landspitze begegneten und sich zu einer dunklen Fluth vereinigten, die sich hinter den düstern
Wäldern des Südens verlor. Es war zwei Uhr Morgens. Ich stand Wache mit Hrn. Townley, dem Besitzer des Doppelgewehrs und einem der jungen Kaufleute, als wir einen Haufen Männer bemerkten, die plötzlich aus einem Pfade heraussprangen, der in der Richtung von zwei oder drei Loghütten in den Wald führte. Bisher war die Nacht still und ruhig gewesen; im Wirthshause hatte man die Lichter frühzeitig ausgelöscht; und die Bootsleute, welche sich mit lärmendem Geschrei an der Küste Herumtrieben, waren längst auf ihre „Flats" zurückgekehrt. Der Haufe, den wir jetzt sahen, befand sich, als wir ihn zuerst entdeckten, ohngefähr dreihundert Schritte von UnS und bewegte sich in schnellem Marsche direkt auf unser Bivouac zu. Sogleich weckten wir unsere Gefährten auf, ohne die Damen in ihrer Ruhe zu stören, und unsere Waffen gerichtet, um den Kommenden einen warmen Empfang zu bereiten, wenn sie sich feindlich zeigen sollten, blieben wir, sie beobachtend, auf unsern Koffern sitzen. Der Mond schien jetzt so hell auf sie herab, daß wir vierzehn Mann zählen konnten, die drei und vier in einer Reihe marschirten; auch spiegelten sich seine Strahlen an Waffen, die einige von ihnen trugen. Jetzt hielten wir uns überzeugt, daß einige Desperados, die auf der Landzunge schwärmen, einen offenen Angriff gegen uns im Schilde führen. Wahrscheinlich erwarteten sie uns unbewaffnet und schlafend zu finden, um unsere Personen und unser Gepäck zu plündern, vielleicht auch Mord zu begehen, wenn sie auf Widerstand stoßen sollten. Wir ließen sie bis auf fünfzig Schritte herankommen und riefen sie an. Einer, der an der Seite der ersten Reihe einherschritt, sprach einige Worte zu ihnen und sie machten Halt.
„Wenn Ihr näher kommt, so werden wir auf Euch feuern, sey Eure Absicht freundlich oder feindlich!" riefen wir ihnen entschlossen zu.