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Der Wanderer.

BelletrischchcS Beiblatt zur Naffauischm Allgem. Zritmg.

1849. .1" 254.

Das Bivonac, oder eine Nacht an der Mündung des Ohio.

Eine Reisegeschichte aus dem amerikanischen Westen.

(Fortsetzung.)

Von dieser Zeit an hatte ich vielen Umgang mit ihnen; denn Hr. Townley liebte es, bei mir zu sitzen, und mir von seinem Sohne zu erzählen. Endlich näherten wir uns der Mündung des Ohio, wo wir uns trennen sollten, da ich und einige Andere dort auf ein Boot zu warten beabsichtigten, um uns aufwärts nach St. Louis zu bringen, indeß sie ihre traurige und hoffnungslose Reise zur Rettung eines verlornen Sohnes und Bruders fortsetztcn.

Als das Boot umbog zu der lieblichen Spitze, auf der sich die junge Stadt Kairo erhebt, kam Hr. Townley zu mir und fragte mich, wie lange ich und meine Freunde in St. Louis bleiben würden.

Ich entgegnete, daß wir uns zwei Tage aufzuhalten gedächten, und dann direkt den Missisippi hinab nach Natchez geben würden. Sogleich fragte er, ob es wohl annehmlich für uns seyn würde, wenn er und seine Tochter sich unserer Gesellschaft anschlössen. Dieser Zu­wachs wurde von allen meinen Freunden, denen ich den interessanten Zweck ihrer Reise mitgetheilt hatte, und die eben so sehr wie ich von ihrem eigenthümlichen Kummer gerührt waren, mit Freuden gesehen. Hr. Townley und seine Tochter verließen deßhalb mit uns das Boot. Der Steamer setzte unsere ansehnliche Gesellschaft und unser Gepäck ans Land und begann wieder seinen schnellen Lauf den Strom hinab.

Es war spät am Nachmittag, als wir an der Land­zunge auSstiegen, und da wir erfuhren, daß man jeden Augenblick dem Eintreffen eines aufwärts kommenden und nach St. Louis bestimmten Bootes entgegensehe, so

beschlossen wir, unsern großen Bagagehaufen nicht in's Wirthshaus bringen zu lassen, und wenigstens bis zum Einbrüche der Nacht bei ihm am Ufer des Stromes zu bleiben.

Cairo City, wie der Platz jetzt titulirt wird, bestand damals in einem zweistöckigen Wirthshause mit einer doppelten Gallerie rund um dasselbe, genanntBirds Botel" in einer Art Laden, einer oder zwei Loghütten und einem ausgedehnten Walde von riesenhaften Bäu­men, die, mit Ausnahme derKlärung" an der äußersten Landspitze, fast den ganzen Platz bedeckten. Es war ein öder und wüster Ort, besonders beim Einbrüche der ' Nacht. Auch das Wirthshaus stand in üblem Rufe, da I die Landzunge wegen ihrer zentralen Lage ein Sammel­platz der Spieler war, wozu sich wegen des entlegenen Charakters dieses Ortes und der von ihm gebotenen Be, quemlichkeit, den Nachstellungen der Justiz zu entschlü­pfen, der Auswurf von Verbrechern und alle Arten ver­zweifelter Abenteurer gesellten. Außerdem trieben sich hier gewöhnlich wildeFlatbootsmänner" herum, und vorbeifahrende Steamers setzten auf diesem Punkte stets ihre meuterischenHände" oder ertappten Langfinger ab. Wir besaßen einige Kenntniß von dem Charakter des Ortes und zogen es deshalb vor, so lange als wir konn­ten , auf dem Levee zu bleiben, und hofften, daß das Boot bald erscheinen und jede nähere Bekanntschaft mit dem verdächtigen Wirthshause unnöthig machen werde.

Wir stellten deshalb unsere Koffer in einen Kreis, setzten uns auf sie und warteten geduldig auf das ver­sprochene Boot. Als endlich die Sonne unterging und keine Spur desselben unsere langen sehnsüchtigen Blicke belohnte, begannen wir zu bereuen, daß wir in Cincin­nati nicht auf ein St. Louis-Boot gewartet hatten; denn wir alle gestanden ein, daß daö dortige Broadwaay House bei weitem komfortabler sey, als das einsame Ufer