Der Wanderer.
BeLctnMchcs Beiblatt zur Nassauischen Allgcuu Zeitung.
1849. — â 853.
Das Bivouac, oder eine Nacht an der Mündung des Ohio.
Eine Reisegeschichte aus dem amerikanischen Westen.
(Fortsetzung.)
Im Laufe deS Tages hatte ich Gelegenheit, mich ihm unbedeutend dienstfertig zu zeigen, als er vom Deck herabstieg, wofür mir die Tochter ihren herzlichen Dank auS- sprach und beifügte: „Mein Vater ist ein wenig schwach, Sir; ich hege die Hoffnung, daß ihm diese Reise sehr gute Dienste leisten wird."
Ich sprach mit Wärme denselben Wunsch aus, und da sie sich sogleich in ihre StaatSzimmer zurückzogen, so sah ich sie an diesem Tage nicht wieder. Am folgenden Morgen stieg ich wenige Minuten nach Sonnenaufgang auffs Deck und fand sie bereits mit einander pro- meniren, der Vater an der Tochter Arm. Der Vorfall und jener kurze Wortwechsel am vorigen Tage hatten mir das Privileg gegeben, mich ihnen zu nähern und mich nach seinem Befinden zu erkundigen.
„Bester, Sir, ich danke Ihnen", entgegnete er mit einem dankbaren Blicke, — „aber", setzte er mit halb unterdrückter Stimme hinzu, die ich jedoch deutlich hörte, „eö ist nicht der Leib, sondern der Geist, der krank ist."
„O theurer Vater!" sagte die Tochter, und blickte schnell gegen mich, um zu sehen, ob ich die Bemerkung gehört hätte.
„O mein Sohn, mein Sohn.' Wollte Gott, ich hätte Dich in Deiner Kindheit begraben!" fuhr Hr. Townley fort (denn dies war, wie ich erfuhr, sein Name) und rang die Hände und warf sich auf einen Sitz. Sein Kind schien sehr beängstigt und ich wandte mich ab, damit meine Gegenwart nicht in ein Geheimniß eindränge, das sie sorgfältig bewahren zu wollen schien. Doch die
Hand entgegenreichend, setzte er hinzu: „Setzen Sie sich, — man hat mir gesagt, daß Sie vom Süden sind, — von Natchez."
„Ja", entgegnete ich.
„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich gehe dahin, um —"
„Still, theurer Vater!" rief das Mädchen und blickte ihn ängstlich an.
„Ich will nach ihm fragen, Charlotte. Vielleicht —"
„Ach, Sie können nichts erfahren, was Sie nicht schon wissen, nur zu gut wissen. Bitte, Vater, sprechen Sie nicht von Henry. Nein, wenn eS durchaus seyn soll, so lassen Sie mich fragen. „Sir, fuhr sie fort, ergriff seine Hand und blickte mir mit thränenden Augen in's Gesicht, — „wir haben einen Verwandten, Sir, einen theuren Verwandten in Natchez, der, wie man uns gemeldet hat, vom Pfade der Ehre abgeirrt ist."
„Es ist mein Sohn, Sir," fiel Herr Townley mit fester Stimme ein. Seine Tochter ließ den Kopf sinken und ich konnte das Erröthen der Scham bemerken, welches ihre Stirn überzog. „Es ist mein einziger Sohn. Er war in einem Handelshause in New-Orleans angestellt, und in einer bösen Stunde erlag er der Versuchung des Spiels. Er verlor sein ganzes Geld, entwendete dann das seines Geschäftsherrn und, um der Strafe zu entgehen, entfloh er und verband sich mit den Spielern in Vicksburgi Wir haben seitdem erfahren, daß er einer der Hauptführer derselben geworden ist und sich meistens in Natchez aufhält. Ich bin auf dem Wege, um ihn diesem Leben zu entreißen. Es ist schmerzlich für einen Vater, auf solche Weise von seinem Sohne sprechen zu müssen. Haben Sie ihn jemals gesehen, Sir?"
„Townley," wiederholte ich nachdenkend, — ich habe im Süden nie diesen Namen gehört, ausgenommen von achtbaren und ehrenvollen Männern.