Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

BklletnftijchcS BciblaN zur Naffamschen All^cm. Zeitung.

1849. H» 851.

Ein Soldat Garibaldis.

(Fortsetzung und Schluß.)

Am 16. Abends kam ein Gewitter, das sich in Regen auflös'te, der die Nacht hindurch und den folgenden Morgen anhielt. Meine Schmerzen wuchsen an diesem Morgen zu einer fast unerträglichen Stärke, kalter Todesschweiß brach aus, die heftigste Diarrhoe mit fortwährendem Würgen und Erbrechen. Im Lager hätte ich bei diesen körperlichen Leiden und bei diesem Wetter meinen Geist aufgeben müssen. Nachmittags erfuhr ich, daß man 16 vom Garibaldischen Korps, die theils als Deserteurs, theils als Patienten in Orvieto geblieben waren, franzö­sischer Seits arretirt, und in Gefängnisse gesperrt habe! Nach mir fragte Niemand. Ich blieb, und verharrte also unter der sorgsamsten Pflege und Abwartung der treff­lichen Glieder der Familie des Wirthes , und mein kör­perlicher Zustand besserte sich zusehends; mit wahrer Sehnsucht aber schaute ich der Entscheidung meines Ge­schickes entgegen. Endlich am 19. Juli, Vormittags, trat der edle Barbo in mein Zimmer, umarmte mich, und verkündete mir meine Freiheit; er hatte Alles so geordnet, daß ich, ohne mit der französischen Behörde in den geringsten Konflikt zu kommen, heute von der Präsi- denz in Orvieto meinen Reisepaß nach Rom als Doktor " der Philosophie ohne alle Fragen und Umstände ausge- fertigt erhielt. Sollte man âhnen, sagte der treffliche Mann, in irgend einer Rücksicht Weitläufigkeiten machen wollen, so haben Sie die Güte, mich augenblicklich rufen zu lassen. Ich nehme den innigsten Antheil an Ihrem Schicksale, und ich will, daß sich Alles zu Ihrem Besten kehre und daß Ihre gerechten Wünsche erfüllt werden. Mit Thränen des Dankes nahm ich Abschied von dem edeln Manne, der mir in der bedrängtesten Lage einen

so unermeßlichen Dienst mit solcher Humanität geleistet hatte.

Auf der Präsiden; behandelte man mich mit der ausgezeichnetsten Höflichkeit. Ich erhielt einen Paß, wie ich wünschte. Als ich in den Gasthof zurückkehrte, war in der braven Familie meines Wirthes Alles auf's freudigste über die glückliche Wendung meines Schicksals bewegt. Meine Rechnung betrug für die fünftägige Wohnung, die trefflichste Kost, die liebevollste Pflege in meiner Krankheit 63 Bajocchi! Die Zahlung nahm der Wirth obendrein nicht an; ich habe das Geld von hier aus ihm senden müssen! Ich nahm mit tief ge­rührtem Herzen Abschied von diesen edeln Menschen sie riefen mir Glück und Segen nach.

Um den etwaigen Rodomontaden der Herren Fran­zosen in den Zeitungen zu begegnen, füge ich noch einige Worte über die damalige Stellung des Garibaldi'schen Korps und der Franzosen während der Tage meiner Ge­fangenschaft im Zimmer hinzu. Nachdem die Franzosen unter Morris in Orvieto eingerückt waren, blieb Gari­baldi den ganzen Tag vor der Stadt jenseits der Brücke in seinem Lager gerüstet stehen, einen Angriff der Fran­zosen erwartend. Diese aber hatten die Thore besetzt, blieben in der Stadt und rührten sich nicht. Abends halb zehn Uhr verließ das Garibaldi'sche Korps seinen Posten und zog sich nach dem Lago di Bolsena. Hier verweilte Garibaldi ebenfalls den folgenden Tag in gleicher Absicht, ohne im Mindesten von den Franzosen inkommodirt zu seyn. Sie hatten vor ihm und nament­lich im Gebirge eine gewisse heilige Scheu. Erst als sich Garibaldi der toskanischen Gränze näherte, verließen die Franzosen bis auf 120 Mann Orvieto und besetzten die sämmtlichen nach Toskana führenden Straßen und die von ihm verlassenen Posten. Mithin war eS mir un­möglich, noch einen Versuch zu wagen, ihm zu folgen..