Der Wanderer.
Beiblatt zur Naffamschen Allgâ Zeitung.
1849. — M 849.
A Die Circafsierin.
Geschichte ausser Zeit der Regentschaft.
(Schluß.)
Sophie schellte, worauf La Roche erschien. Er war magerer und gelber als jemals, und man bemerkte auf seinem Kleide frische Regenspuren.
„Madame verlangt zu trinken," sagte die Zofe, ohne den Eintretenden anzusehen.
Als sie dann den alten Kammerdiener deS Herrn von Ferriol bemerkte, konnte sie einen unwillkürlichen Schauder nicht unterdrücken und fügte sogleich hinzu:
„Ich will selbst daS Nöthige besorgen."
„Nein, bleibe bei mir," sagte Arffa.
La Roche ging hinaus und kam bald wieder mit einem Glase zurück, das ein kühlendes Getränk enthielt. Die junge Frau ergriff es schnell und entleerte eö in einem Zuge.
„Wie befindet sich die Frau Gräfin? stammelte der Diener in süßlichem Tone; die Frau Gräfin scheint diesen Abend etwas leidend zu seyn."
„Es ist wahr, doch wird es nichts zu bedeuten haben. Ich fühle mich schon besser, nachdem ich getrunken..."
„Desto besser! Muß man wachen?"
„Oh, daS ist nicht nöthig! Aber ich höre die Glocke nicht mehr, die noch eben im Kloster läutete."
„Die Frau Gräfin kann ruhig schlafen, versetzte La Roche, die Glocke wird nur noch zum Leichenbegängnisse läuten."
Nach diesen Worten verneigte sich La Roche und ging hinaus. Sophie sah ihm lange mit einem Ausdrucke von Mißtrauen und beinahe von Schrecken nach.
„Woran denkst Du? sagte Mffa; entkleide mich schnell, der Schlaf übermannt mich... Es ist befremdend, ich
fühle, daß ich kaum Zeit haben werde, mein Abendgebet zu verrichten."
Die junge Frau kniete nieder, während die Zofe sie entkleidete, und betete für den Ritter von Aydie, für ihre Mutter, für den Grafen von Ferriol, für die Lebenden und die Todten, doch war ihre Sprache dumpf und verwirrt, die Worte schienen an ihren Lippen zu kleben.
Sophie mußte eine andere Kammerfrau zu Hülfe rufen, um die Herrin, die fest eingeschlafen war, auf ihr Bett zu tragen. Sophie betrachtete sie eine Zeit lang mit unruhigem Erstaunen; doch da sie sah, daß ihr Athem ruhig und sanft war, schloß sie die Fenstervorhänge und zog sich zurück.
Am folgenden Morgen trat der Ritter von Aydie in daS Hotel Ferriol, trunken vor Liebe und Hoffnung. Seine schöne Braut hatte noch nicht gerufen und schlief allem Anscheine nach noch fest. Der Ritter beschloß ihr Erwachen zu erwarten, und durcheilte unterdessen die Gemächer und den Garten des Hotels, an das sich für ihn so viele Erinnerungen knüpften. Indeß verfloß Stunde auf Stunde, ohne daß D'ssa das geringste Zeichen von sich gab. Aydie, der sich anfangs ungeduldig gezeigt, ward unruhig, und trug Sophie auf, nach ihrer Gebieterin zu sehen. Die Zofe, welcher der Ritter in einiger Entfernung folgte, trat allein mit leisem Schritte in'K Zimmer Aissa's; sie näherte sich dem Bette und stieß, rücklings zu Boden fallend, einen fürchterlichen Schrei aus.
Auf diesen Schrei stürzte Aydie, mehr todt als lebeüd, in das Zimmer, wo ihn ein bemitleidenswerther Anblick erwartete.
Atssa, weiß und kalt wie Marmor, lag mit offenen aber glanzlosen Augen auf ihrem Bette: eine ihrer Hände hing von dem Bette herab; die andere ruhte auf ihrer Brust, und hielt in den krampfhaft zusammengepreßten