Der Wanderer.
BelletrWchks Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — â 846.
A Die Circassierin. |
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
XXV.
Marseille.
In einer Kneipe am Hafen von Marseille saß an einem Sonntag Morgen ein Gast, der düster vor sich hinsinnend eine Cigarre rauchte. Er war von hoher und dürrer Gestalt und gelblicher Gesichtsfarbe. Dann und wann warf er einen Blick nach der Thüre, durch welche die Gäste ein- und ausgingen, bis er plötzlich aufsprang und Einem der eben Eintretenden entgegeneilte.
„Ei! bei der heiligen Kunigunde, ich täusche mich nicht, rief der Aufgesprungene, der kein Anderer als unser alter Bekannter Marini war, es ist Herr La Roche, der Kammerdiener des Herrn Grafen von Ferriol? Wie geht eS diesem lieben Grafen?"
„Es geht ihm gut, sagte dieser in brummigem Tone; es geht ihm gut, denn er ist todt."
„WaS ist denn aus der kleinen Circassierin geworden?"
„Sie ist Gräfin von Ferriol geworden."
„Oh! was Sie da sagen! Erzählen Sie mir doS doch, Herr La Roche. Um uns jedoch ungestörter unsere gegenseitigen Mittheilungen machen zu können, wollen wir unS von hier entfernen, denken Sie nicht auch, mie caro?"
La Roche stimmte bei und beide gingen den Hafen hinab. Unterwegs belehrte Marini den alten Diener des Grafen, daß er erst vor einigen Tagen nach Marseille an Bord eines Kauffahrteischiffes gekommen sey, das aus Italien komme und durch widrige Winde gezwungen worden, an der französischen Küste zu landen. Ohne dem weiteren
Gespräche derselben zu folgen, beschränken wir uns darauf, auzuführen, daß sie sich nach einiger Zeit trennten und sich verabredeten, am Abend, wie ausgemacht war, in dem Wirthshause zum heiligen Martin, der Wohnung Marini's, wieder zusammenzukommen.
Als La Roche am Abend, wie ausgemacht war, in das Wirthshaus kam, bemerkte er in einer Ecke des Zimmers zwei Diener, welche Karten miteinander spielten. Zugleich erhielt er die Nachricht, daß Marini noch nicht zurückgekehrt sev. Um sich die Zeit zu vertreiben, trat er zu den Spielern und sah ihnen zu. Der Eine von Beiden war sehr unglücklich im Spiele, und weigerte sich, die Partie fortzusetzen. Die Gelegenheit war zu schön, als daß La Roche sie ungenutzt vorbeigehen lassen sollte; er machte den Vorschlag, die Partie zu übernehmen, womit der Andere sehr zufrieden war.
Sey es, daß sich das Glück dem neuen Spieler zugewendet, oder daß La Roche eigenthümliche Mittel besaß, das Glück zu verbessern: er gewann Alles wieder, was sein Vorgänger verloren hatte, und noch mehr dazu. Plötzlich hörte man in dem Augenblicke, wo das Spiel am belebtesten war, folgende Worte:
„Der Herr Ritter von Aydie fragt nach seinem Diener."
Sogleich stand der Gegner La Roche's auf, indem er ihm ankündigte, daß er zurückkommen werde, wenn sein Herr seine Dienste nicht mehr nöthig habe.
Bei dem Namen des Ritters hatte La Roche leb, hafte Ueberraschung gezeigt. „Der Ritter in Marseille! Was wollte er dort? Er, der Frankreich, wie man sagte, für immer verlassen hatte?" La Roche befragte den Wirth und erfuhr, daß der Ritter von Aydie in Folge schwerer Wunden, die er in einem Seetreffen empfangen, Malta verlassen und nach Marseille gekommen sey, wo er einige Tage von der Reise auöruhen wollte, bevor er sich nach