Der Wanderer.
Bellktriftijchcs Beiblatt zur Nassauische» Alldem. Zeitung.
1849. — â 843.
△ Die Circassierin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
In diesem Moment öffnete sich die Thüre des Zimmers und Frau von Parabere erschien, fröhlicher, reizen- der und schöner als jemals.
„Ei! meine Liebe, sagte sie, was haben Sie denn? Erfüllen Sie vielleicht irgend eine von Ihrem Beichtvater Ihnen aufgelegte Buße? Das können Sie ja später thun; das Wetter ist heute zu schön. Kommen Sie schnell, Sie sollen meine neue Equipage sehen, sie ist herrlich!"
Statt aller Antwort hielt die Cirkassierin ihrer lustigen und sorglosen Freundin das verhängnißvolle Blatt hin. Frau von Parabere warf erstaunt die Augen darauf; dann ergriff sie die beiden Hände Ai'ssa'S, die sie zärtlich in den ihrigen drückte und sagte:
„Ach! ich begreife jetzt Alles, und bitte Sie um Vergebung wegen meiner unschuldigen Fröhlichkeit . . . Sie lieben ihn also so sehr."
„Oh! mehr als jemals!"
„Armes Kind! Und ich kam gerade heute ihr eine Heirath vorzuschlagen!"
' Eine Stille trat ein, dann fuhr die Parabere fort:
„Kommen Sie, liebe A'issa, ich will versuchen, Sie zu trösten. Es ist freilich eine sehr betrübende Sache, wenn der Ritter von Aydie an seinen Wunden stirbt, doch werden Sie dann wenigstens wieder frei; in Ihrem Alter und bei Ihrer Schönheit kann man nicht Wittwe bleiben. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, Sie wieder zu verheirathen, ich werde es auch ausführen."
„Niemals."
„Oh! wenn der kleine Arouet von Voltaire Sie hörte, so würde er sagen, daß Sie für eine Cirkassierin naiver als ein Landmädchen sind. Kind, sagen Sie weder Niemals noch Immer."
XXIV.
Der Karbinalshut.
Dubois, Erzbischof von Cambrai, saß vor einem Tische, beschäftigt einen Brief zu schreiben, der ihn sehr in Anspruch zu nehmen schien.
Die Thüre öffnete sich und der Regent erschien. Se. Hoheit schien angegriffen und ziemlich übler Laune zu seyn.
„Was machst Du da?" fragte der Prinz.
„Gnädiger Herr, ich fertige einige Depeschen nach Rom ab. Hoheit weiß, daß der Abbe von Tencin noch diesen Abend dahin abreißt. Es ist richtig. Der heilige Vater ist sehr alt und krank; von einem Augenblick zum andern kann die Tiara vakant werden: es ist von großer Richtigkeit, daß wir zuverlässige erprobte Agenten dort haben, die im Stande sind, die Interessen des Reiches zu vertreten."
„Sage lieber Deine eigenen. Was Dich beunruhigt, ist weder die Krankheit des heiligen Vaters noch das Resultat der Berathungen des Konklave. Du denkst immer -an Deine lächerliche Geschichte mit dem Kardinalshute, den Du doch niemals erhalten wirst, das sage ich Dir."
„Warum denn, gnädiger Herr?"
„Warum! ... Du weist, ebenso gut wie ich, daß Du dessen nicht würdig bist."
„Meiner Treu! ich glaube, der Hut wird meinem Haupte nicht schlechter stehen als dem Kardinal Albani, der die Schätze seines Onkels an die Signora Marinaccia, an die Signora Silvia und was noch für Geliebte verschleudert."