Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

BellctrWchrs Beiblatt zur Nassauischcu Allgem. Zeitung.

1849. â 889.

A Die Circassierin.

Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

XML

Das Verlobungsmahl.

Man hatte seit Menschengedenken zu Lamneur kein solches homerisches Fest gesehen, als daS war, womit Minister Petri die Verlobung seiner Tochter Martha mit dem Sergeanten Avon feierte. In allen Zimmern und Kammern waren Tische aufgestellt, um eine möglichst große Anzahl Bauern und Küstenwächter versammeln zu können, hatte man sogar in freier Luft Zelte errichtet. Ferriol sah ein, daß eine freigebige und splendide Gast- lichkeit das sicherste Mittel war, allen Argwohn im ent­scheidenden Moment einzuschläfern.

Avon hatte seine Verlobte seit dem Tage, wo sie ihm so unvermuthet zugesagt worden, nur einmal wie- vergesehen; obgleich ,er in den Zügen A'i'ssa'S nicht die ganze Sympathie bemerkte, die seine Huldigungen in ihr hervorzubringen bezweckten, so konnte er darum doch nicht glauben, daß daS junge Mädchen immer gefühllos gegen seine Liebe bleiben werde.

Aissa war auf Veranstaltung FerriolS nach der Weise des Landes geschmückt worben, eine Nachbarin hatte bei der Toilette der Braut den Vorsitz geführt. Von Ferriol zu dem Feste geleitet, setzte sie sich an den Tisch, wo die bretagnischen Bauern, untermischt mit Kü­stenwächtern, ihre sprichwörtlich gewordene Gefräßigkeit befriedigten. Der Wein floß in Strömen in die Gläser, und von da auf die Schüsseln und den Tisch. Bald wurden die Pfeifen angezündet, deren Rauch den wider­lichen Anblick der Orgie verhüllte.

Aissa, deren Herz zu zerspringen drohte, ward nur durch die Eisenarme einiger Verschwornen, die als bre-

tagnische Bauern verkleidet waren, auf ihrem Sitze fest­gehalten, die stets bereit waren, sie mit Gewalt auf ihren Platz zurückzustoßen, wenn sie ihn verlassen wollte. Bald reichte man nach alter Gewohnheit den Verlobten daS durchschnittene Brod dar, dessen Stücke, mit einem Bande, das durch sie gezogen ist, wieder vereinigt, die Sinnbilder der ehelichen Verbindung sind. Aissa konnte sich nicht zur heuchlerischen Annahme dieses Pfandes ent­schließen, das statt eines geheiligten Bundes eine grau­same Täuschung heiligte, als ein unvermutheter Vorfall die Szene unterbrach. Ein Reiter sprengte mit verhängtem Zügel heran, und übergab Avon ein versiegeltes Packet von Seiten des Generalkapitäns.

Meine Freunde, rief Av§n, heute wollen wir noch trinken und fröhlich seyn , morgen können wir es nicht mehr; denn wir haben dann eine große Musterung vor unserem neuen Generalkapitän, dem Herrn Ritter von Aydie. Morgen Mittag müssen wir im Schlosse von Ploegat seyn, wo er sich aufhält, bis er nach Morlair geht; in meiner Eigenschaft als Sergeant werde ich seine Besehle in Betreff der Sicherung der Küsten und des Landes einholen."

Auf diese Worte erfolgten laute Ausrufungen der Küstenwächler unv Bauern:Es lebe der König!" ES lebe der Regent." Ferriol und Marini wechselten einen Blick, um sich gegenseitig über die Nothwendigkeit zu verständigen, schnell zu handeln und den Ereignissen deS TageS durch den Tod des neuen Feindes zuvorzukommen. Als der alte Edelmann den Namen eines Nebenbuhlers, den er beinah vergessen hatte, aussprechen hörte, ward er wie vom Blitze getroffen; seine Augen richteten sich sogleich von seinem Mitschuldigen auf Aissa, die bleich geworden und zitterte. Einige Minuten schien sie gegen ihre Aufregung zu kämpfen, doch bald gewannen die