Der
Wanderer.
Belletristisches BcibiaN zur Nassauischen Allgcm. Leitung.
1849. — .1 888.
△ Die Circassierin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Indeß war der zu dem Rendez-Vous bestimmte Tag gekommen, und die Sonne ging schon zur Neige, ohne daß Atssa einen bestimmten Entschluß gefaßt hatte. Doch als sich das Bild Aydie'S in seinem ganzen verlockenden Reize ihren Gedanken darstellte, bemächtigte sich ihrer eine fieberhafte Unruhe. Sie sprang auf, hüllte sich eilig in einen Mantel, und von ihrem elenden Aufenthaltsorte herabsteigend, ging sie an die Thüre der Hütte, die sie öffnete.. ..
Plötzlich ließ sich eine wohlbekannte Stimme hinter der Thüre hören. Sie ward bis in das Mark ihrer Knochen davon erschüttert, denn es war der Herr von Ferriol. Sie brückte sich in den Winkel der Mauer, indem sie darauf rechnete, daß Ferriol nach seiner Ge- wohnheit sich in die Kammer begeben würbe, die ihm als Schlafgemach biente, was ihr dann gestatten würde, sich in dem Moment schnell zu entfernen; doch wie groß war ihr Schrecken, als die Thüre aufging und sie sah, daß Ferriol nicht allein war! ...
Pontcallet und DucouLbic begleiteten ihn ; sie setzten sich auf eine Bank und schienen nicht sobalv die Hütte verlassen zu wollen. Sie zünbeten ein Licht an, während Ferriol sich nach dem Orte begab, wo A'issa gewöhnlich weilte. Bald öffnete sich die Thüre nochmals, und Lambilly und Eoötivy traten ein.
„Kann uns Niemand hier hören?" sagte Lambilly.
„Niemand, antwortete Ferriol, der so eben den andern Theil der Wohnung durchsucht hatte. Meine Tochter ist abwesend; sie ist ohne Zweifel in die Kirche gegangen."
i „In die Kirche! nein, sagte Coëtivy: ich komme ; von da und habe sie nicht bemerkt."
Die Stirne des Grafen umwölkte sich; er antwortete jedoch ruhig:
„Sie werden schlecht gesehen haben."
Der Andere runzelte die Stirn und eS wäre ein Streit ausgebrochen, wenn nicht Lambilly denselben kurz mit der Frage unterbrochen hätte:
„Ist denn Alles für morgen bereit?"
„Ich hoffe eS, erwiederte Ferriol. Nach dem, was diese Nacht zu Saint-Michel geschehen, ist kein Augenblick zu verlieren. Unser Borhaben muß morgen gelingen oder niemals; vergessen Sie nicht, daß Avon alle seine Küstenwächter zu dem Feste führt, das wir ihnen bei Gelegenheit seiner Verlobung geben. Während sie hier trinken, vermindern sie den Widerstand, den wir bei unserm Handstreiche gegen Morlair zu erwarten haben. Sind Sie Ihrer Leute gewiß, Herr Pontcallet?"
Pontcallet bejahte, ebenso die Andere.
„Sehr gut sagte Ferriol; morgen bei Einbruch der Nacht setzen wir uns in Marsch. Zu größerer Sicherheit wollen Sie, Herr von Coëtivy, eS auf sich nehmen, die drei Feuer als Zeichen für die Landung der spanischen Flotte auf der Spitze von Loquirec anzuzünden."
„Soll geschehen, erwiederte dieser."
Zwei Schläge kündigten die Ankunft eines neuen Verschwornen an: es war Marini.
A'ff'sa war unterdessen eine Beute unsäglicher Angst; sie hatte zuviel gehört, um ungestraft ihre Anwesenheit kundgeben zu können. Ihre Kräfte begannen zu schwinden bei ver gezwungenen Stellung die sie anzunehmen genöthigt war, und sie sah schon mit Schrecken den Augenblick nahen, wo sie ihre Gegenwart nicht mehr verheimlichen konnte.