Der Wanderer.
LrllctrWchcS Beiblatt zur Naffamschm Allgem. Zeitung.
1849. — .1“ 819.
A Die Circassierin.
Geschichte ausser Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
XIII.
Meister Peter.
Wir wollen uns jetzt nach Lanmeur begeben, und dort, wie es einst ASmodeus mit dem Schüler Zambullo Perez that, das Dach eines am Ende des Dorfes gelegenen Hauses abdecken, wenn man mit dem Namen HauS eine Hütte bezeichnen darf, welche brüderlich mit Thieren die Einwohner theilten. Den Fußboden dieser Woh, nung bildete die feuchte und ungleiche Erde; die Stelle von Fenstern vertrat eine Art Dachlucke, das Mobiliar bestand aus einem grob gehauenen Tische und zwei Banken -von Eichenholz. Auf diesen saßen ein Mann von ungefähr 50 Jahren und eine junge Frau, der Eine rauchend, die Andern Netze flickend; beide nach Bretag- nischer Weise gekleidet ; doch konnte ein aufmerksamer Beobachter leicht wahrnehmen, daß diese in Rebe stehenden Personen nicht hierher gehörten.
Atssa, sagte der Graf von Ferriol (es ist unnöthig, die beiden Hauptpersonen dieser Geschichte noch länger in ihrem Inkognito zu belassen), Asssa, willst Du etwas von dieser Suppe?"
„Ich danke, erwiederte die junge Frau, ich mag nichts essen."
„Ich begreife, daß dies Gericht nicht sehr Deinen Appetit reizen mag. Doch fällt mir ein, es ist heute Sonntag; wir haben gestern noch gelöstes Brod übrig behalten, der einzige Lurus, den wir uns erlauben können, ohne Verdacht zu erregen."
„Ich danke Ihnen ebenfalls, ich habe keinen Hunger."
„Ja! in Spanien ging eS uns besser; dort haben wir durch den Schutz des Königs Philipp V. und durch die Vermittelung dieses schlauen Kerls, der sich Marino- Marini nennt, eine gute Aufnahme gefunden. Wer sollte jetzt in der Kleidung des Meisters Pierre den früheren französischen Gesandten in Konstantinopel und in der jungen Martha, die so gut Netze zu flicken versteht, die schöne Circassierin erkennen, an der unter dem Namen Arssa der Regent einst so sehr Gefallen gefunden? Doch müssen wir uns jetzt in Geduld fassen, alles daS wird nicht lange dauern. Bedenke das.
„Herr, ich beklage mich nicht."
Bei diesen Worten rollte eine Thräne, die sie gegen ihren Willen Lügen strafte, über die bleichen Wangen Atssa'S, und ihre abgemagerten Finger nahmen schweigend die Beschäftigung wieder auf, die sie einen Augenblick unterbrochen hatten.
Herr von Ferriol betrachtete sie eine Zeitlang mit eigenthümlichem Ausdrucke.
In diesem Augenblicke ertönten zwei Schläge an der dem Eingang entgegengesetzten Mauer. Ferriol bezeichnete Atssa mit der Hand die innere Thüre; diese stand schweigend auf, und eine in der anstoßenden Kammer befindliche Treppe hinansteigend setzte sie sich in den Winkel nieder, den Ferriol zu ihrem Aufenthalte bestimmt hatte, weil man dort unmöglich hören konnte, was in dem Hauptgemache vorging.
Ferriol antwortete auf die beiden Schläge durch ein ähnliches Zeichen, und bald erschienen zwei bretagnische Edelleute in der Thüre.
„Gruß dem Ritter von der guten Gesinnung und seinem tapfern Begleiter!" sagte Ferriol, den Neuangekommenen die Hand reichend, deren wirkliche Namen Dugroësquar und Coëtivy le Borgne waren.