Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
184». — . I" Sir
ZX Die Circassierin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Etwas weiterhin saß in der That eine ziemlich fremdartige Person. Seine herkulische Gestalt, seine muskulösen Arme, die rohe Nachlässigkeit, mit der er sich auf seiner Bank auSstreckte, von der er seine Nachbarn zurückgestoßen, hätten durchaus nicht einen Edelmann in ihm errathen lassen, wenn man nicht damals gewußt hätte, daß in der Bretagne die Abkömmlinge Duguesclin's und Clisson'S im Allgemeinen kein anderes unterscheidendes Zeichen ihres Adels hatten, als das Recht, Störenfriede deS Landes zu seyn. Arm, arbeitsscheu, größten- theilS jeder Geistesbildung fremd, führten sie einen steten Krieg mit dem FiSkuS. Um feine Aehnlichkeit mit feinen Vasallen zu vervollständigen, trug Duguet von Pontrallet an diesem Tage ein Kleid von Zwillich und seinem Strohhute mit einem schwarzen Bande.
„Wißt Ihr nicht, sagte der Bauer Avon ganz leise in'S Ohr, daß man einen Zollbeamten in der Nähe seines Postens ermordet gefunden?"
„Ja, erwiederte Aron; auS Mangel an Beweisen konnte man ihn nicht arretiren. Doch ich hoffe, den Krautjunker noch eines schönen TageS zu erwischen."
Mit diesen Worten, die er halbleise aussprach, so sehr minderte wider seinen Willen der Anblick deS schrecklichen Edelmannes seinen amtlichen Muth , schlug Avon auf den Tisch, und rief den Wirth.
„Heda! ich will allen Kummer vergessen," sagte er mit einem Seufzer, der ein noch nicht ganz unterdrücktes unglückliches Gefühl verrieth; „ich regalire Euch alle mit Wein, mit gutem Wein."
Bei diesem Anerbieten, daS an die bei ihm sitzenden Küstenwächter gerichtet war, erschalle ein AuSruf allge
meiner Freude; wiederholte Schläge auf den Tisch riefen den Wirth bald herbei:
Meister Ploënoan erschien; man bemerkte jedoch nicht ohne Verwunderung, daß er ein Kleid von Zwillich und einen Hut mit schwarzem Bande trug, ganz ähnlich dem Herrn von Pontcallet.
„WaS bedeutet das, Meister Ploënoan? versetzte Avon, mit Lachen auf Pontcallet zeigend. Seid Ihr mit den Edelleuten in Brigaden eingetheilt? oder ist der Herr von Pontcallet unter die Edelleute ausgenommen?"
„Die Kleidung habe ich wegen der Jahreszeit angelegt, stammelte Meister PloënoaN."
„Wegen der Jahreszeit? Aber ist eS denn nicht sehr warm? Doch macht nichts! bringt Wein herbei."
Der Wirth kehrte in das HauS zurück und brachte bald einige Flaschen, die er auf den Tisch stellte; doch hatte Avon kaum sein Glas gefüllt, als er den Wein mit Verachtung wegwarf.
„WaS ist denn daS für Wein, Meister Ploënoan? Ich glaube, daß Ihr ihn mit Meerwasser mischt. Wofür haltet Ihr mich denn, daß Ihr mir solches Zeug verfett ?"
„Ich habe keinen andern mehr, erwiederte der Wirth. Es sind so viele Leute gekommen, daß mein Wein fast alle getrunken ist . . . . "
„Der Wirth tauscht uns! rief ein Küstenwächter ihn unterbrechend; ich habe diese Nacht im Hause geschlafen und stand diesen Morgen bei Tagesanbruch am Fenster. Ich habe ein flaches Boot an dem Flußufer anlegen sehen; ein Mann stieg auö, der einen großen Korb voll Wein trug, der jetzt noch nicht geleert seyn kann, und da Meister Ploönoan uns nichts davon sagt, so bestärkt mich das in der Meinung, daß dies Kontrebande war."
„Ja, ja, Kontrebande! riefen Alle einstimmig."