Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Rassauischen Allgcm. Zeitung:
1849. — .1" 814.
△ Die Circafsterin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung) |
Trotz des Zornes, worin ihn diese muthige That | Sophiens versetzen mußte, fühlte doch der Graf daS Schimpfliche und Unwürdige seiner Handlungsweise. Erließ die Hand Sophiens loS und sagte zu ihr, auf die Thüre weisend:
„Entfernen Sie sich auf der Stelle aus diesem Hause, und hüten Sie sich, dasselbe jemals wieder zu betreten. Ihre Effekten wird man Ihnen später nachsenden."
Sophie gehorchte schweigend, und im Geiste die arme Verlassene, deren baldige Befreiung sie jedoch hoffte, Gott befehlend überschritt sie die Schwelle des Hotel von Fer- riol, um nie dahin zurückzukehren.
An demselben Abende ging ein in einen Mantel gehüllter Mann, den Hut tief in die Augen gedrückt, vor einer kleinen Thüre auf und ab, die von einer Gartenmauer aus auf die Straße Payenne führte.
Längere Zeit vor der zur Flucht bestimmten Stunde hatte sich Aydie darüber versichert, ob die Angeln der Thüre seiner Anstrengung auch nachgeben würden. Als die alte Uhr an der Kirche Saint-Paul den ersten Schlag der zehnten Stunde ertönen ließ, beschleunigte eine unbeschreibliche Aufregung die Schläge seines Herzens; er glaubte in dem Geräusch des Windes, der die Bäume bewegte, welche ihre Zweige über die Mauer hinweg streckten, das Rauschen eines Kleides zu vernehmen. .. Er mußte sich an die Mauer lehnen, um seiner Aufregung nicht zur unterliegen; doch die Thüre blieb unbeweglich, und als der Ritter durch die Ritzen derselben spähte, sah er keine menschliche Gestalt in dem Schatten der Bäume erscheinen. Aydie fühlte in diesem Moment
die ganze ^schreckliche Leere, welche diese Täuschung in ihm zurückließ; doch beruhigte er sich wieder bei dem Gedanken, daß ein vorübergehendes Hinderniß Alssa zurückgehalten haben könne, und bezwang sich dahin, mit Ruhe und Vertrauen zu warten. Doch eine, zwei Stunden verflossen, nichts unterbrach die Stille der Straße Payenne, als nur zuweilen der Schritt irgend eines verspäteten Bürgers, der schnell davon eilte, wenn er die düstere Miene Aydie's sah, der, in seinen Hut und Mantel tief versteckt, einem im Hinterhalt lauernden Diebe glich. Bald jedoch fing Aydie an, in fieberhafter Unruhe hin und her zu gehen. Niemand auf der Welt (wenn er nicht ebenfalls eine solche Probe bestanden) kann sich eine Vorstellung von dem schrecklichen Gemütszustände Aydie's machen, als er immer mehr das Vergebliche seines Wartens einsah.
Es hatte bereits Mitternacht geschlagen. Aydie, in völliger Verzweiflung, riß die Gartenthüre auf und trat maschinenartig in die düstere Allee; seine Zähne klapperten; ein dumpfes Geräusch traf sein Ohr, seine Hand zitterte konvulsivisch, indem er den Griff seines Degens umklammerte. Bald gelangte er zu dem Hause^ Alles war still und schweigsam. Ein Licht schien einen Augenblick tßk durch Oeffnungen eines Fensterladens 'zu schimmern ; der unbestimmte Schein erlosch jedoch bald, und Aydie mußte ganz niedergeschlagen den Garten verlassen.
Am folgenden Tage hielt eine von zwei berittenen Garden begleitete Postchaise in der Straße Sainte-Eatha- rine vor dem Hotel des Herrn von Ferriol, ein Gardelieutenant stieg aus und ließ dem Grafen sagen, daß er ihn zu sprechen wünsche.
Herr von Ferriol erschien; ZorneSbläffe überzog sein Gesicht, alS er sich dem Ritter von Aydie gegenübersah.
„Sie wieder hier, mein Herr! . .. Das setzt mich in Erstaunen: zu meiner Zeit kehrte man nicht mehr in