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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1849. .1" 811.

A Die Circassierin.

Geschichte auS der Zeit der RegeiNtschaft.

(Fortsetzung)

Wen denn?- Einen meiner Diener vielleicht?"

Nein, Herr Graf, mein Ehrgeiz war größer; es ging bis zur Thorheit. Aber so groß auch meine Thor, heit war, so theilte man sie doch wenigstens. Ich liebe den Ritter von Aydie, der Eie um meine Hand bat."

Während Aiffa so sprach, gehorchte sie einem Wunsche nach Rache, der zuweilen auch sich in der sanftesten Seele regt, wenn sie sich in ihren theuersten Gefühlen gekränkt fühlt. Sie hatte sich übrigens nicht in der Wirkung verrechnet, die dieses Wort auf den reizbaren Edelmann hervorbringen mußte. Ferriol sprang erblassend auf; denn es war nicht nur der Zorn des mißachteten Herrn, der sich in ihm regte, es war die Eifersucht des zurück­gestoßenen Liebhabers.

Ah, Du liebst ihn! stammelte er durch die vor Zorn zusammengebissenen Zähne, aber weißt Du denn nicht, daß Alles in Dir bis zum letzten Augenblicke Deines Lebens, sogar das letzte Haar auf Deinem Haupte, der schwächste Pulsschlag Deines Herzens, mir gehört? ...

Aber nicht meine Ehre; die Rechte, die Sie auf mich haben, können jedes Glück meines Lebens zerstören, doch mich nicht in den Pflichten wankend machen, die mir die Religion gelehrt, in der Sie selbst mich unter« richtet haben."

Es steht Dir wohl an, mit meinen Wohlthaten zu prahlen, um Dich meiner Gewalt zu entziehen. Du denkst also nicht mehr daran, welcher schreckliche Umstand mir auf immer Dein Loos überliefert hat, durch welches undurchdringliche Verhältniß Du an mich gebunden bist? Du denkst also nicht mehr an den Golf von Snyrna?"

Ach doch! rief Aissa, in Thränen zerfließend, ich denke daran ... ich denke daran . .. M^ine Mutter! . .. Meine arme Mutter!

Deine Mutter! Nach fünf Jahren hast Du schon ihre letzten Worte vergessen ; weißt Du nicht, daß Deine Mutter vor ihrem Tode zu Dir gesagt:Herr! Dir ge­hört jetzt meine Tochter, sie ist Deine Sklavin. Möge sie bald Dein Vergnügen, Dein Stolz seyn; Dein Trost und Deine Stütze im Alter! Möge der Fluch ihrer- Mutter sie treffen, wenn sie jemals einen Augenblick ver­gißt, daß alle ihre Gedanken Dir allein gehören und daß sie für Dich allein leben und sterben soll!" Ist mein Gedächtniß nicht gut, Aissa? hat Deine Mutter nicht so gesprochen?"

Ach! Mutter, murmelte die Circassierin, was nützte es, meine Begnadigung zu erhalten, indem Du meine Verurtheilung aussprachst?"

Bei diesen Worten brach das junge Mädchen in Schluchzen aus. Ferriol schien bewegt und begann mit großen Schritten das Zimmer zu durcheilen.

Vielleicht hatte AUa die vorübergehende Regung des Grafen bemerkt, und wollte Nutzen daraus ziehen, viel­leicht befand sie sich auch in einem jener Momente, wo das Herz zu allen Hülfsquellen der Beredsamkeit seine Zuflucht nimmt, um seinen Zweck zu erreichen. Wie dem auch seyn mag, sie warf sich zu den Füßen des Herrn von Ferriol nieder.

Oh! gnädiger Herr, rief sie, Sie sind voll Güte und Ebelmuth; das haben Sie einst bewiesen, als Sie mich vom Tode retteten; wollen Sie dies nicht noch einmal beweisen, indem sie mich von der Schande retten? Ich bin ein unglückliches Geschöpf ohne Kraft, ohne Ver­theidigung, ohne Schutz; ich kann nur zu Ihnen meine Zuflucht nehmen; sollte ich Sie vergebens anflehen, Sie, einen Edelmann aus einem der besten Geschlechter Frank-