Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
Allgem. Zeitung.
1849. — Jlf 210.
△ Die Circassierin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
„Herr Graf..."
„Aber sehen Sie sich einmal Diejenige etwas an, die Sie lieben: Eine Circasfierin, in einem Harem geboren, von einem Eunuchen aus Mitleid gegen ihre Mutter gekauft, die ebenfalls eine Sklavin war, ein Kind, das ich meiner Schwester geschickt, um es taufen zu lassen, da eS sich nach Allem herausstellte, baß sie eine Weiße sey! Meine Schwester hat dieser Kleinen, ich weiß nicht in welcher Absicht, eine Erziehung gegeben, deren Kosten mir nicht leid thun, da ich mich doch wenigstens mit der Kleinen unterhalten kann, wenn ich nichts Besseres zu thun habe."
Aydie horte diese Worte mit zusammengebiffenen Zähnen und kochendem Blute an; er hätte nicht die ersten Worte dieser unverschämten Rede ertragen, wenn nicht der Schmerz, die Wuth in seinem Herzen einander so zu sagen, neutralifirt hätte... Auf solche Weise seine Liebe, alle seine Illusionen, all sein Glück beschmutzt und mit Füßen getreten zu sehen; oh'. das war mehr als tobt!
„Haben Sie denn aber nie mit Aissa von Ihrem eigenthümlichen Vorhaben gesprochen? fuhr der Graf fort, ohne einmal die heftige Unruhe zu bemerken, von der Aydie so sichtlich ergriffen war; glauben Sie mir, daß sie selbst als einen Spott Ihr Vorhaben betrachten würde, das ich aus Achtung für Sie nur für einen Vorwand Ihrerseits halten kann."
„Herr Graf, meine Geduld ist zü Ende. Ich habe mich nicht über die Gefühle Derjenigen zu erklären, die Sie zu Ihrem Opfer machen wollen; begnügen Sie sich, zu erfahren, daß ich ohne Furcht eines Widerspruchs von ihrer Seite Sie zum letzten Male aufforbere, die von
Ihnen ungerechterweise zurückgehaltene Aissa mir zu übergeben ; ich wiederhole eS nochmals, bevor ich die Macht des Gesetzes anrufe."
„Sie sagen, mein Herr, Ihre Geduld sey zu Ende; die meinige ist schon lange ermüdet. Erinnern Sie sich, daß Sie sich hier in meinem Hause und zwar schon sehr lange Zeit befinden."
„Ich werde mich sogleich daraus entfernen, wenn Sie mir folgen wollen."
„Sie sind noch zu jung, mein Herr, ich habe eS Ihnen bereits gesagt, um eine solche Ehre zu verdienen. In diesem Augenblicke habe ich andere Geschäfte . . . eS eilt nicht."
„Ja, in der That, Sie haben Recht, Herr Graf; es eilt nicht, denn ich werde wiederkommen."
Aydie ging hinaus und ließ den Grafen von Ferriol in einem schwer zu beschreibenden Zustande zurück! Dieser konnte jedoch ungeachtet aller Zurückhaltung des Ritters nicht zweifelhaft darüber seyn, daß Aissa seinen Schutz angerufen. Die Sklavin wollte das Joch abschütteln! Die Taube wollte der Kralle deS Geiers entfliehen!
Er schellte heftig und befahl, Aissa gleich zu ihm zu führen.
Der Herr und die Sklavin.
Als die Cirkassierin bei ihrem Herrn erschien, war sein erster Gedanke, mit donnernder Stimme Rechenschaft von ihr für ihre Auflehnung gegen seine Gewalt zu fordern; doch bedachte er, daß er sie damit nicht genug bestrafen werde, und für den Augenblick seinen Verdruß und seinen Zorn unter einer Maske von Sorglosigkeit verbergend, sagte er zu ihr:
„Aissa, ich habe Dir ein ziemlich pikantes Abenteuer zu erzählen; doch wirst Du nicht daran glauben!"