Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 809.
A Die Circassierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Von allen Erinnerungen, die sich bereits an diese 24 Stunden seiner Eristenz knüpften, war besonders Eine, die momentan alle übrigen verdrängte: der Gedanke nämlich an jenes junge Mädchen, das er drei Jahre vorher vom Tode gerettet, wobei sich seine Einbildungskraft darin gefiel, ihre Erkenntlichkeit zu berechnen. Durch langen Aufenthalt in der Türkei an die gänzlich materielle und genußsüchtige Lebensart der Orientalen gewöhnt, an ihren blinden Despotismus gegen das weibliche Geschlecht, fiel ihm nicht einmal ein, .daß er, schon nahe dem Greisenalter, ein Verbrechen begehen würde, diese unter Frank, reichs Himmel so reich erblühte Blume voll Unschuld und Schönheit zu brechen. Alles war für ihn in jenen inhaltsschweren Worten begriffen, deren Bedeutung zu damaliger Zeit noch so mächtig war: „die Rechte des Herrn, die Pflichten des Sklaven."
In solches Nachdenken war er versunken, als man ihm einen zweiten Besuch ansagte. Der diesmalige Be sucher hatte Sorge getragen, seinen Namen auf ein Papier zu schreiben. Der Graf hatte nicht sobald die Augen auf dieses Papier geworfen, als er zitterte und ein kalter Schweiß ihm die Stirne herablief: er hatte so eben die Schrift jenes geheimnißvollen Billets erkannt, dessen Verfasser er vergebens zu ermitteln gesucht. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß dieser neue Ankömmling der Ritter von Aydie war.
Der junge Gardelieutenant ward eingeführt. Er war in einer leicht zu begreifenden Aufregung, und der frostige und vornehme Empfang von Seiten des Grafen war nicht dazu gemacht, ihn sehr zur Ausführung des Schrittes zu ermuthigen, den er unternehmen zu müssen glaubte.
Die beiden Gegner blieben einige Augenblicke stumm und unbeweglich einander gegenüber und betrachteten sich ge- genseitig mit ganz verschiedenem Ausdrucke. Endlich glaubte der Ritter zuerst das Schweigen brechen zu müssen.
„Herr, sagte er, verzeihen Sie, daß ich darauf bestand, Sie noch heute zu sprechen, da Ihre Thüre ich weiß eS, bereits für Jedermann verschlossen ist; doch eS gehört zu denjenigen Pflichten, die ein Edelmann um jeden Preis erfüllen muß, wenn er selbst sich den Zorn eines Mannes dadurch zuzöge, dessen Achtung und Freundschaft er so sehr wünscht."
„Was wollen Sie damit sagen mein Hcrr?^ ver, setzte Herr von Ferriol erstaunt.
„In Ihrem Hause befindet sich ein junges Mädchen, die Sie unter dem Namen Sklavin gekauft haben; dieses junge Mädchen ward bei ihrer Ankunft in Frankreich der Gegenstand allgemeinen Mitgefühls. Sie hatte die gefâhr- lile Aufmerksamkeit deS Regenten auf sich gezogen, dessen I Verfolgungen Sie dieselbe muthig entzogen haben. Soll ich hinzufügen, daß ich eS war, der Sie von der Gefahr, die sie lief, benachrichtigte?"
„Ach! Sie sind eS, mein Herr. Ich danke Ihnen sehr dafür, obgleich ich nicht begreife, aus welchem Grunde Sie ein solches Interesse an dieser . . . dieser Kleinen nehmen."
„Um ihre Person handelt eS sich, nicht um mich... Nöthigen Sie mich nicht, mich näher zu erklären; der Regent kann Ihnen die Wiedereinsetzung in den Ihnen genommenen Posten verweigern. Wer weiß selbst, ob Sie nicht vielleicht in die Verbannung zurückkehren müssen? Dann würde die Protektion der Frau von Ferriol nicht genügen, Fräulein Arssa gegen so viele Fallstricke und Nachstellungen zu vertheidigen."