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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. M 807.

A Die Circassierkn.

Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

IX.

Marino- Marini.

Durch das Geplauder der Leute aus dem Gefolge des Regenten war das Abenteuer des Grafen von Fer- riol auf dem Wege nach Marly, seine unverhoffte Rück- . kehr und die kühne Herausforderung, die er einem all­mächtigen Prinzen hingeworfen, überall am Hofe und in der Stadt bekannt geworden. In Folge dessen ward das Hotel in der Straße Culture- Saint, Catherine von einer Masse von Edelleuten belagert, die sich ebensosehr beeiferten, Opposition gegen die neue Herrschaft zu machen, als die Rückkehr des Verbannten zu begrüßen. Zu jeder Zeit ward in Frankreich, das doch so lange Zeit hindurch für die loyalste Monarchie galt, der In, surrektionsgeist in Ehren gehalten, und der Mann, der, wäre es auch ohne die geringste Gefahr für seine Person, das Signal zu irgend einem Widerstande gegen die Ge- walt gibt, kann immer darauf rechnen, als Held betrachtet zu werden: eS fehlte daher Ferriol; um zum Halbgotte erhoben zu werden, nur noch Einsperrung in die Bastille. Das stand übrigens in der nächsten Zeit zu erwarten, und da jeder sich beeilte, dem künftigen Gefangenen seine Huldigungen darzubringen, während er noch in der Lage war, sie empfangen zu können, so ward das Hotel von Morgen bis Abend nicht leer.

Auch war bereits die Zeit gekommen, wo man von dem ersten Erstaunen über die Verwerfung des Testa- ments Ludwigs XIV. sich erholt hatte, und wo im Parke von Sceaur die berüchtigte Verschwörung von Cellamare angezettelt wurde. Die Unzufriedenen ließen ihre Klagen und Forderungen um so mehr laut werden, als sie dies

ohne Gefahr unter einem so gutmüthigen Fürsten thun konnten, wie der Regent war.

Als der Abend herangekommen, befahl Herr von Ferriol, von einer langen Reise in einer schlechten Jah- reszeit ermüdet und nicht sehr darnach verlangend, noch neue Versicherungen ihrer Ergebenheit von Leuten zu erhalten, die ihm größtentheils unbekannt geworden, wâh, rend der Zeit, die er in der Fremde zugebracht, dem Schweizer des Hotels, Niemanden mehr zuzulassen. Doch war dieser Befehl kaum gegeben, als man ihm meldete, daß ein Fremder auf das Dringendste verlange, sogleich mit ihm zu sprechen. Auf die Frage nach seinem Namen hatte der Fremde erklärt, er könne ihn nur in Gegenwart des Herrn Grafen von Ferriol nennen.

In dem Verlangen, dies Geheimniß zu ergründen, befahl Herr von Ferriol, den neuen Ankömmling einzu- führen, und einige Augenblicke darauf sah er einen Mann von sehr hoher Gestalt und außerordentlicher Magerkeit eintreten. Die Züge dieses Mannes hatten das Bemer­kenswerthe, daß er mit einer wahren Galgenphyfiognomie eine lächelnde Miene und eine gewisse Gutmüthigkeit verband, die Vertrauen zu erwecken schien. Er hatte eine ziemlich große Nase und bewegliche Augen, gelbliche Gesichtsfarbe, einen großen Mund und trug einen Barl nach spanischer Art. Als er sich dem Grafen von Fer­riol näherte, öffnete sich sein Mantel, in den er einge­hüllt war, halb, und ließ einen Sammtrock mit Gold- stickereien sehen, deren Glanz jedoch die Jahre oder die schlechte Witterung der Jahreszeiten geschwächt hatten; auf seiner Brust glänzte eine reiche Sammlung von Orden aller Monarchen und Herrscher Europa's.

Herr von Ferriol lud den neuen Ankömmling ein, sich an seiner Seite an das Feuer zu setzen und fragte, da dieser schwieg, mit wem er die Ehre habe zu reden.