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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1849. M 806.

A Die Circassierin.

Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

Gerührt von dem Schmerze ihrer jungen Gebieterin ergriff Sophie eine ihrer Hände, die sie mit Inbrunst an ihre Lippen drückte, und indem sie dieselbe mit Küssen bedeckte, sagte sie:

Ach! wovon reden Sie Fräulein? Es liegt ebenso­wenig in der Gewalt des Herrn von Ferriol, Ihre Lage zu ändern, als die Meinige. Sie sind dazu geschaffen, um von Jedermann geliebt und angebetet zu werden. Ich bin dazu geschaffen, Ihnen zu dienen auf den Knien zu gehör, chen. Fräulein, im Namen des Himmels, fassen Sie Muth."

Ich danke Dir, gute Sophie; aber mein Loos ist bestimmt; ich gehöre Herrn von Ferriol; ich will ihm durch unverdrossenen Dienst Alles erstatten, was ich ihm ge­kostet habe; er kann Alles von mir erwarten, was die Knechtschaft Bitteres hat; aber darüber hinaus soll er nicht . . . denn der Schande kann man durch den Tod entgehen . . . Sophie ich fürchte die Schande nicht . . ."

Ach zittern Sie immerhin, Fräulein; wenn Sie wüßten! . . . Herr von Ferriol hat eine niederträchtige Seele in seinem Dienste, einen Elenden, jenen La Roche . . . Wenn er zu seinem Vortheil nichts Uebles zu.vollbringen weiß, so wendet er für Rechnung seines Herrn seine List und seine Verräthereien an. Ich weiß ein Beispiel davon zu erzählen. Hören Sie mich an und Sie werden schaudern."

Vor einigen Jahren, es war vor der Abreise des Herrn von Ferriol und La Roche nach Konstantinopel, zog ich die Aufmerksamkeit des Faktotums unseres Herrn auf mich; ich widerstand ihm jedoch und sein Haß hätte mich aus diesem Hause gebracht, wenn er nicht ge­fürchtet hätte, durch eine Entfernung sein Opfer zu ver­

lieren ... Ich hatte damals eine jüngere Schwester bei mir. Eines Abends, als wir La Roche aus dem Hause fern glaubten, fassen wir beim Abendessen; plötz­lich benachrichtigte man mich, daß Frau von Ferriol mei­ner bedürfe ... Ich eilte gleich zu Ihr; die Sorgfalt, die deren Unwohlseyn erheischte, hielt mich ziemlich lange bei ihr zurück; als ich zurückkam, lag meine Schwester mit dem Kopfe auf dem Tisch ... Ich rufe sie, sie ant­wortet mir nicht; ich fasse sie an, sie scheint meine Hand nicht zu fühlen. Ihrem Appetite folgend, hatte sie in meiner Abwesenheit die Speisen berührt und den Wein, der für uns bestimmt war, an die Lippen gebracht, sie war in einen lethargischen Schlaf gefallen, woraus ich sie vergeblich aufzuwecken suchte.

Einige Augenblicke darauf trat La Roche ein; er wich aber vor dem Blicke, den ich ihm zuwarf, zurück; er fühlte, daß er errathen sey, und von diesem Tage an wagte er nicht mehr sich mir zu nähern. Bald darauf reiste er mit Herrn von Ferriol ab. Sie sehen wohl, mein Fräulein, daß man nicht immer sicher ist, der Schande zu entgehen, selbst um den Preis des Lebens."

Oh! das ist schrecklich! . . . Wie! man sollte wa­gen, solchen Verrath anzuwenden! . . . Doch dann lie­ber gleich sterben! Wenn ich kein anderes Asyl als das Grab habe, so möchte ich so schnell als möglich ihm zu­eilen."

Nein, nein, Muth, Fräulein! ich werde über Sie wachen; ich werde Sie keinen Augenblick verlassen. Sie sollen nichts genießen, was nicht vorher durch meine Hände gegangen, bis Sie dieses schreckliche HauS ver­lassen, denn hier können Sie nicht bleiben."

Aber wohin soll ich denn fliehen?"

Wie! Sie haben keinen Freund, keinen Beschützer?" Einen Freund! einen Beschützer! Oh doch! ich habe Jemand!"