Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — .45 805.
A Die Circassierin.
Geschichte 'auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Bei diesen Worten umschlang Herr von Ferriol die schlanke Taille der Circassierin, seine Augen glänzten, sein Athem wurde schneller... plötzlich ging die Thüre auf und die verwittwete Marquise von Ferriol trat ein.
„Teufel!" brummte der Graf, der seiner Schwester entgegentrat und sie kalt und feierlich umarmte.
„Ach! der Himmel sey gelobt! rief die Marquise mit meisterhafter Verstellung, endlich sehe ich Sie wieder, mein Bruder, und Arffa ist gerettet! welches Glück!"
„Bei Gott! Schwester, erwiederte der Graf, Sie sind daran nicht Schuld, soviel ich weiß; im Gegentheil, wenig hatte gefehlt, so waren in meiner Abwesenheit Dinge geschehen, worüber ich strenge Rechnung von Ihnen gefordert hatte."
„Was wollen Sie damit sagen, Bruder," stammelte die Marquise erbleichend, obgleich sie ihre Unruhe unter einer affektirten Gleichgültigkeit zu verstecken suchte.
„Ich begreife kaum, daß Sie noch darnach fragen; doch lassen Sie zuerst diese Kleine sich entfernen."
Mssa, noch ganz zitternd, verneigte sich und ging aus dem Zimmer. Sobald sie verschwunden war, glaubte die Wittwe selbst mit der Erklärung, die der Graf von ihr zu fordern im Begriff stand, zuvorkommen zu müssen.
„In der That, mein Bruder, Sie sehen mich ganz erstaunt über einen Empfang, den ich ganz anders gehofft, ich gestehe es, nach einer so langen Trennung. Wie können Sie so viel Wichtigkeit auf einige Galanterien des Regenten legen, auf Galanterien ohne weitere Folgen, dieß muß ich gleich bemerken, gegen die Kleine, die sich ohne Ursache darüber beunruhigt hat."
„Ohne weitere Folgen, sagen Sie? Wenn ich nicht gerade zu rechter Zeit dazu gekommen wäre, so hätte der Regent Alssa gewaltsam entführt, wobei er vergaß, daß man nicht ungestraft in die Rechte eines Ferriol eingreift. Es thut mir leid, daß er mich in die Nothwendigkeit versetzt hat, ihn daran zu erinnern."
„Ich weiß eS, mein Bruder, aber fürchten Sie nicht, chaß diese wohl etwas weit getriebene Empfindlichkeit, die Sie gezeigt, dazu führe, Sie bei dem Regenten zu verderben, von dem Ihr Schicksal abhângt?"
„Was liegt daran? versetzte der Graf mit Würde, der Prinz wird mich in die Verbannung zurückschicken oder die Bastille zu meinem Aufenthaltsorte bestimmen, aber man soll nicht sagen, daß ein Weib, so gering es auch sey, fich vergeblich unter meinen Schutz begeben habe. Ein Ferriol erträgt ebensowenig einen Schimpf an seiner Ehre, .als einen Widerstand gegen seine Befehle. Erinnern Sie sich, daß Einer meiner Vorfahren, Aimery von Ferriol, sich zu Grunde richtete, weil er dem Kardinal Richelieu den Weg durch seine Besitzungen bei Gelegenheit einer Jagd versagte; seine Güter wurden konfiszirt; aber er wich nur der Gewalt und verlâugnete nicht einen Augenblick seine Freimüthigkeit. UebrigenS ist dieser nicht der Einzige in unserer Familie, der ein solches Beispiel gab."
„Dann möge der gute Gott uns schützen!" rief Frau von Ferriol, indem sie beruhigt ihre scheinheilige Maske wieder vornahm.
„Wenn ich nun auch dem Regenten in irgend einer Hinsicht hätte nachgeben müssen, so wäre es doch nie in Betreff dieser Kleinen geschehen. Ich hatte diese Nacht kaum Zeit, sie anzusehen; diesen Morgen jedoch ließ ich sie zu mir kommen, hörte sie sprechen; sie ist reizend; Sie haben ihr eine über ihren Stand gehende Erziehung ge-