Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgenu Zeitung
1849. — M 808.
△ Die Circassierin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Ungefähr eine Stunde darauf stürzte ein Wagen in der Nähe von Bougival in einen Graben; der Kutscher zog ganz unversehrt ein junges Mädchen, das von dem Falle ohnmächtig geworden, aus dem Wagen. Als sich dasselbe wieder erholt hatte, erklärte ihr der Kutscher, daß der Wagen zerbrochen sey und er nicht weiter fahren könne.
A'ffsa fühlte sich ungeachtet aller Gewandtheit des Kutschers doch von ihrem Sturze zu sehr angegriffen, um daran zu denken, ihren Weg fortzusetzen, zumal zu Fuß und bei einem eisigen Winde, der bei einem sternhellen Himmel blieS. In diesem Augenblicke sah man wie durch Zauberei einen mit vier kräftigen Pferden bespannten Wagen mit großer Schnelligkeit heranrollen, voraus ritten PiqueurS, die Fackeln hielten. Als der Herr des Wagens den Unfall sah, der sich eben zugetragen , befahl er zu halten und eilte zu dem jungen Mädchen &in.
„Was sehe ich? ries er, große Überraschung heuchelnd, Sie hier! Fräulein, während ich Sie im Palaste zu Marly glaubte?. .. Wollen Sie mir erklären, durch welches Wunder?... Doch beruhigen Sie mich zuerst über Ihren Zustand: Sie sind doch nicht verwundet, wie?..
„Nein, gnädiger Herr, stammelte Aissa zitternd; ich danke Ihnen für das Interesse, daS ..."
„Achl der Himmel sey gelobt! ich komme zurrechten Zeit, um Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbieten zu können, wo wir ^viel bequemer unser Gespräch fortsetzen können, als auf der öffentlichen Straße. Es ist teufelmäßig kalt; nehmen Sie meinen Arm."
„Gnädiger Herr,... verzeihen Sie,... ich kann nicht."
„Kindereien! Kommen Sie nur, ich will es!" Zugleich ergriff der Regent lächelnd den Arm deS jungen Mädchens, doch dieses rief, vor Scham erröthend und ganz in Thränen zerfließend:
„Gnädiger Herr, es ist unmöglich. Haben Sie Erbarmen mit einem armen Mädchen, Vas den Tod der Schande verziehen würde."
Bei dem Worte Schande öffneten sich die Lippen des Prinzen zu einem sardonischen Lächeln, denn seine ge- demüthigle Eigenliebe dachte beständig an die zu wahrscheinliche Aussage Dubois.
„Meiner Treu! erwiederte er, wenn die Liebe Philipps von Orleans, des Regenten von Frankreich, Schande seyn kann, was ist dann die eines einfachen Edelmannes?"
„Gnädiger Herr, was wollen Sic damit sagen?"
„Weiter nichts, als daß Sie ohne Zweifel mich in die Nothwendigkeit versetzen wollen, die Vermittelung eines meiner Offiziere zu erbitten, um Sie zur Annahme meines Anerbietens zu bestimmen."
„Gnädiger Herr, wollen Sie mich denn zu Grunde richten? ..."
„Im Gegentheile, meine Schöne, kommen Sie nur. O! diesmal sollen Sie mir nicht entgehen!"
„Ach, mein Gott! Gibt cs denn keine Hülse mehr?"
„In der Nacht, zu dieser Stunde? Sie scherzen wohl, meine Theure? Ihr Schicksal ist entschieden, und Niemand kann Sie jetzt aus meinen Armen mehr reißen."
„Eure Hoheit täuscht sich vielleicht," sagte eine fremde Stimme an der Seite deS Prinzen.
Die beiden handelnden Personen dieser Szene hatten nicht bemerkt, daß eine Postchaise eiligst von Paris her angelangt war, und ein Unbekannter, der einige