Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — .45 801.
A Die Circassierin.
Geschi chte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
„In der That, sagte die Parabere, einen Blick durch das offene Fenster werfend, das wäre schon ein Mittel, sich umzubnngen! . . .? Um dem Regenten zu entgehen, wollten Sie . . . ? Nach einem solchen Beweise ist nicht mehr an Ihrer Unschuld zu zweifeln!... Sie sind also wider Ihren Willen hier?"
„Ich kam in der Absicht, die Begnadigung deS Herrn von Ferriol zu erbitten, den man in diesem Augenblicke in Paris erwartet; ich kam auf die Versicherung deS Abbe Dubois hin unter dem Schutze der Frau von Ferriol."
„Der Schutz der Frau von Ferriol, die ein solches Spiel mit mir getrieben! die Versicherung des Abbe Dubois, der mit Jedermann s ein Spiel treibt! Warum sagten Sie das nicht früher armes Kind?... Von einem Abbe und einer Frömmlerin durften Sie nichts Gutes erwarten... Höchstens einen Betrug! Doch ich will Sie schützen, oder vielmehr den Regenten . . . Seyen Sie nur ruhig . . . Se. Hoheit wird ohne Zweifel kommen, und ich will ihn empfangen."
„Se. Hoheit! ach! ich muß den Regenten meiden!"
„Das kann sehr leicht geschehen, auf dieselbe Weise, wie ich zu Ihnen kam."
„Wie denn?"
„Ich will Ihnen Alles sagen: Einige Hausleute des Regenten, die in meinem Solde stehen, benachrichtigten mich. Ich hielt auf der zweiten Poststation an, und ‘teerte in aller Eile nach Paris zurück!... Ich wußte, daß mein Ungetreuer sich in Marly befand. Ich eilte auf der Stelle hierher; nur mußte ich mir Einlaß in das Schloß verschaffen. Wenn nur die Dienerschaft des Regenten an dem großen Thore gewesen wäre, so
hätte ich keine Schwierigkeit gefunden. Ich weiß, wie viel die Treue der Genossen des Abbe Dubois gilt. So aber hatte man eine Abtheilung Garden dort postirt; die Schilvwache wollte mich zu dieser späten Stunde nicht einlassen; glücklicher Weise fiel mir ein, nach dem dienstthuenden Lieutenant zu fragen; ein junger und hübscher Mann, meiner Treu; das flößte mir Vertrauen ein: ich erzählte ihm ganz offen den Zweck meines Besuches, worauf er mich sogleich mit einer Eilfertigkeit einführte. . . wenn er für sich selbst gehandelt hätte, so konnte er nicht mehr Eifer beweisen."
„Ach! er ist wiederum mein Retter, sagte Aissa zu sich, wobei sie Gott dankte."
„Ein Mal hier dachte ich mir gleich, wohin ich zuerst gehen müsse; ich habe einen Schlüssel zu jener kleinen Thüre; ich kenne daS Geheimniß des Eingangs, durch den Sie mich erscheinen sahen; für mich hat sie der ver- rätherische Regent zu Lebzeiten des verstorbenen Königs anbringen lassen; ein Meisterwerk von Mechanismus, wofür er 30,000 Franken bezahlt hat. ... Zu jener Zeit liebte er mich noch. Doch nun entfernen Sie sich, mein schönes Kind; steigen Sie diese Treppe hinab, verfolgen Sie die Allee, die Sie dort sehen, sie führt Sie zu dem großen Thore. . . Der galante Lieutenant wird Ihnen öffnen, Sie werden dort meinen Wagen finden, mein Kutscher ist unterrichtet; sagen Sie ihm, daß ich zu Marly bleibe, er soll Sie nach Paris zurückbringen. Gehen Sie und verlieren Sie keinen Augenblick."
„Ach! wie ich Ihnen danke, Madame!"
„Umarmen Sie mich lieber. . . Sie haben mir nichts zu danken... ich vertheidige mich nicht allein ... ich räche mich!"
Aissa verschwand. Frau von Parabere setzte sich aus ein Sopha und erwartete ruhig den Regenten.