Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zcituug.
1849. — â 800.
A Die Circassterin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
VI.
D ie schreckliche Nacht.
A'i'ssa ward von der Marquise von Ferriol über ihre lange Abwesenheit gescholten; doch ließ sie die scharfen Borwürfe der scheinheiligen Wittwe in ihrer Freude unbeachtet; indessen fühlte sie eine gewisse Unruhe, als die Marquise ihr mittheilte, daß sie beide die Nacht in dem Pavillon zubringen würden, der sonst für den Regenten bestimmt war, da dieser jetzt die Appartements des verstorbenen Königs inne habe. Alle Warnungen des Ritters von Aybie fielen Aissa wieder ein, als sie bedachte, daß sie eine ganze Nacht hindurch an einem mysteriösen Orte zubringen müsse, an den sich in ihrem Innern beunruhigende Erinnerungen knüpften, die sie weder begreifen wollte noch konnte. Sie folgte jedoch schweigend mit der Marquise dem Diener, der sie quer durch den Park in ihren Pavillon führte. Nachdem er sie eine elegante Treppe hatte hinaufsteigen lassen, öffnete er nach einander zwei Dhüren, wobei er mit näselnder Stimme ausrief:
„Das Zimmer für Frau von Ferriol! das Zimmer für Fräulein Al'ssa!"
Dann stieg er schnell die Treppe wieder hinab.
Bei dem Gedanken an eine Trennung von der Marquise, deren Gegenwart wenigstens ein Schutz war, zitterte A'sffa.
„Madame! Madame!" rief sie; „Ach! ich will mich nicht von Ihnen trennen!"
„Was ist Ihnen denn? weßhalb dieser Schrecken?" erwiederte diese ernst.
„Madame, verzeihen Sie mir, ich weiß nicht . . . aber wir sind hier nicht in unserer Wohnung im Marais,
diese unbekannten Orte flößen mir Furcht ein. Wählen Sie von diesen beiden Gemächern dasjenige, welches Sie wollen; aber lassen Sie uns zusammenbleiben, ich flehe Sie darum!"
Die Marquise begnügte sich, achselzuckend zu antworten:
„Sie sind eine kleine Närrin. Doch da Sie es so wollen, so nehmen wir die, welche Ihnen bestimmt war."
Es war ein mittelgroßes Gemach, das die Ecke des Pavillon einnahm. Große Gobelins-Tapeten, mythologische Gegenstände darstellend, bedeckten die Wände und ließen nur Platz für die Thüre und ein ungeheueres Fenster, bas auf einen tiefen Graben ging.
Als Frau von Ferriol ihr Gebet gesprochen, nahm sie in einem reichen und geräumigen Bette Platz, das in einer Ecke des Gemaches stand. Ais auf eine dürre Einladung der Wittwe Aissa das Nämliche gethan , wandte die erstere dem jungen Mädchen den Rücken und schlief sogleich ein. A'i'ssa suchte ebenfalls die Ruhe; doch der eigensinnige Schlaf wollte sich nicht auf diese heimlich bewegte Seele senken. Es schien dem jungen Mädchen in einer Art Alpdrücken, baß die Wittwe verschwunden sey und sie sich allein in diesem unbekannten Zimmer befinde; daß ein Schritt in dem Korridor wiederhalle und am Eingang innehalte. Als sie jedoch die Augen öffnete, um sich von der Wahrheit dieser Visionen zu überzeugen, war Alles ruhig; der Schlüssel stack im Schlosse; zwei vorgeschobene Riegel schützten die Thüre, das Fenster war unersteiglich, die an die Wand genagelten Tapeten konnten keine geheime Thüre enthalten. Die regelmäßigen Athemzüge der Marquise bewiesen ihren Schlaf. Als letzte Vorsichtsmaßregel stand Aissa nackten Fußes auf, zog den Schlüssel ab und legte ihn unter ihr Kopfkissen. In dem sichern Gefühle, baß die Marquise sie nicht ver»