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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. â 199.

A Die Circassierin.

Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

Mssa stieg von ihrem Pferde, das sie aufs Gerathe- wohl umherlaufen ließ; wir wissen nicht, welcher Ge­danke sie beschäftigte, doch mußte wohl die Annäherung der Dunkelheit in ihr das Gefühl der Einsamkeit hervor­rufen, da sie ängstlich um sich zu blicken begann. Sie stieg wieder zu Pferde und wollte sich von dem Orte ent­fernen, als sie plötzlich in der Ferne eine Entdeckung machte, die ihr einen Schrei entriß: ein Mann zeigte sich auf ihrem Wege. Doch der Regung der Furcht folgte sogleich eine süßere, obgleich nicht weniger heftige, als sie eine ihrem Herzen bereits wohlbekannte Stimme sagen hörte:

Fürchten Sie nichts, es ist ein Freund."

Sie hier, Herr v. Aydie? sagte sie leise, während ihr heftiger Herzschlag ihre Brust zu zersprengen drohte; Sie, den ich wiederfinde, als ich mich verirrt hatte!"

Ja, ich selbst; bin ich nicht Gardelieutenant des Regenten? Muß ich ihm nicht überall folgen, zur Jagd, wie anderswo? Diesmal, ich gestehe es, bin ich im Un­recht, denn ich habe die Spur Sr. Hoheit verloren; einige Schritte von hier ließ ich mein Pferd verschnaufen; ich hörte das Ihrige nahekommen. Es schien mir, daß sein unruhiger Gang einen verlorenen Weg suche, und ich bin glücklich, bei Sr. Hoheit meine Pflicht nicht gethan zu haben, da es mir gestattet ist, Ihnen einen Dienst er- weisen zu können."

Aydie hielt inne; Beide blieben einige Augenblicke im Schweigen versunken.

Beide befanden sich in dem herrlichen Zustande, wo die Liebe, noch nicht verkärgert und kaum zu unterscheiden noch keine Absichten sondern nur Träume, kein Ziel son­

dern Visionen hat! Edle und zärtliche Gefühle, die gött lichen Verboten eines irdischen Glückes, die für die menschliche Seele als frühzeitige Strahlen des unsterb­lichen Lichtes erscheinen, das einst auf unser Grab sich herniedersenken soll!

Aydie stieg wieder zu Pferde und beide verfolgten schweigend die Allee, die nach Marly führte. Ihre Herzen waren zu voll, um ihnen zu erlauben, ein gleichgültiges Gespräch anzuknüpfen; ihre Liebe zu schüchtern, um zu wagen, von dem einzigen Gegenstände aller ihrer Ge­danken zu reden. Als endlich Aydie den Augenblick seiner Trennung von Alssa nahen sah, zu des Regenten Willkühr zurückzukehren, gab der Schmerz und die Un, ruhe ihm Muth, das Schweigen zu brechen.

Ach! rief er aus, ich muß Sie verlassen; aber ich beschwöre Sie, seyen Sie auf Ihrer Hut. Ach, es ist nicht der Offizier des Königs, der zu Ihnen spricht; es ist ein Freund, der nicht ohne Besorgniß und Unruhe sehen konnte, wie Sie allein ohne Stütze, in die Ihnen unbekannte Welt geschleudert wurden; in die verderbte und erbarmungslose Welt, wo Spott der widerstrebenden Tugend und Verachtung der unterliegenden Schwachheit solgt."

Was sagen Sie! ich bin ja nicht allein; Frau v. Ferriol beschützt mich. Wird auch nicht der Herr Graf, ihr Bruder, jeden Augenblick zu Paris erwartet?"

Der Graf v. Ferriol wird zu Paris erwartet, sagen Sie? O Golt sey gelobt! Wenn ich ihn benach­richtigen könnte! Vielleicht kommt er doch zu spät. Was die Marquise betrifft, so kann ich Ihnen noch nicht meine vollständige Meinung über sie sagen; aber denken Sie an die Worte:Oft wird die Stütze, auf die man rech­nete, verderblicher, als der Schlag selbst."

Sie setzen mich in Erstaunen .. . Ach! haben Sie Erbarmen, haben Sie Mitleid, verlassen Sie mich nicht!"