Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen $lUgcm. Zeitung.
1848 — M 196.
△ Die Circassierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Der Offizier war im Begriff, sich wieder zu entfernen, als sein Auge dem neugierigen Blicke Ai'ssa's begegnete... Aissa hatte die Parabere, den Regenten und den ganzen Ruhm der glorreichen Eroberung vergessen: sie hatte in dem eben eingetretenen Manne Den wieder erkannt, den sie einige Zeit vorher in der Vorstellung der Armida gesehen; dessen Bild sich seitdem in ihrem Innern zu einem poetischen Ideal umgewandelt hatte. ♦ Der Gardelieutenant war der Ritter v. Aydie. Er ward tief betroffen, als er dies junge und unschuldige Gesicht in einer Gesellschaft sah, die sich den Genuß aller nur erdenklichen sinnlichen Freuden zur Aufgabe machte. Der schmerzhafte Ausdruck seines Blickes drang tief in das Herz Ai'ssa's, die plötzlich das ganze Wehe der Schande empfand, von der sie bedroht war.
„Nun denn, meine Herren, lassen wir die Anhänger des Herrn v. Maine schreien; sie müssen wenigstens diese Befriedigung erhalten, nachdem sie geschlagen sind; wir wollen uns wieder zur Tafel setzen."
„Nein, gnädiger Herr, versetzte die Parabere, ich werde mich nicht mehr mit Derjenigen, die mir so grausamen Spott zugezogen, an die Tafel setzen. Ueberdieß - ist auch das Souper beinahe geendet; folgen Sie mir; können Sie mir nicht einige Stunden nach einer so langen Trennung gewähren?"
„Aber meine Gâste... die Höflichkeit..." stammelte der Regent.
„Die Höflichkeit! versetzte die Parabere. In der That, Sie lassen die Gesetze derselben von ihren Gästen vortrefflich gegen meine Person beobachten! ... Sagen Sie lieber gleich, daß ich dem Fräulein den Platz räumen
soll; daß sie bereits das Recht hat, allein in diesem Palast, wie in Ihrem Herzen zu regieren."
Die Favoritin hatte in ihrem Eifer nicht einmal mehr die Vorsicht beobachtet, bei diesen Worten leise zu reden. Aissa erröthete und rief:
„Ich, Madame, über das Herz Seiner Hoheit herrschen! ach! glauben Cie das nicht! Monseigneur ist für mich nur die souveräne und gütige Macht, von der ich Gerechtigkeit für meinen Wohlthäter verlange. Welchen Einfluß kann ich auf den Regenten ausüben, ich, die niedrige Abgesandte eines Verbannten, die erst seit gestern ihren Fuß hierher gesetzt hat?"
Bei diesen letzten Worten entfuhr der Parabere und der Wittwe zu gleicher Zeit ein Ausruf; der Regent machte eine Bewegung der Unzufriedenheit und Ungeduld, zugleich zeigte sich auch ein schwer zu beschreibender Ausdruck von Zufriedenheit in den Zügen des Ritters von Aydie. Dieser Ton der Unschuld hatte ihn wieder über das edle Wesen beruhigt, dessen Sympathie der seinigen instinktmäßig entsprochen hatte.
Frau von Ferriol hatte nicht verfehlt, A'sssa in einigen Worten zu belehren, daß sie ihren Besuch am vori, gen Tage geheim halten müsse, dem das junge Mädchen auch bis jetzt nachgekommen war, aber vor Aydie fühlte sie, daß sie zu ihrer Rechtfertigung nicht länger schweigen könne.
„Seit gestern, wiederholte die Parabere, seit gestern, gnädiger Herr, setzte sie hinzu, sich dem Regenten nähern, ich bin hinrergangen. Ich begreife AlleS; doch ich will nicht länger meine lächerliche Rolle fortführen. Sie müssen jetzt hier unter uns Beiden wählen, gnädiger Herr. Folgen Sie mir . . . oder folgen Sie ihr!"
Der Prinz stand bei diesen Worten wie vom Blitze getroffen. Sein unbeständiges Herz hätte nicht mehr verlangt, als sich offen der jungen Eircassierin hinzu-