Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. .4$ 195.

A Die Circassierin.

Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

Man setzte sich zur Tafel. Der Anfang des Sou­pers war kalt und schweigend, Niemand war recht auf­gelegt ; weder die Parabere, die unruhig und eifersüchtig war, noch Ai'ssa, die von dem stolzen Empfange der Favoritin eingeschüchtert wurde, noch Canillac, der noch nicht wagte, seine Freude über eine völlige Rache laut werden zu lassen.

Der Regent allein suchte seine Gäste durch einige fröhliche Scherze zu beleben, indem er sich wechselsweise mit den beiden neben ihm sitzenden Schönen beschäftigte. Doch war sein Blick sanfter, seine Augen strahlten zärt­licher, wenn er sich an Aff'sa wandte, was von den Gästen, den Vertrauten der Neigungen des Prinzen, nicht unbeachtet gelassen wurde.

Meine Herren, sagte der Prinz, das Wort ergrei­fend, es fehlt diesem Souper etwas Nothwendiges. . ."

Was denn?" rief man allgemein.

Ein Dichter, der auf würdige Weise die Vereini­gung der beiden Gottheiten verherrlicht, die bei unserm Feste den Vorsitz führen. In Wahrheit, mein Haus ist nicht vollständig. Ein Dichter ist eine angenehme und nicht kostspielige Sache. Früher hatte ich Einen, der zu­gleich Kapitän in meiner Garde war. Der arme La- fare! Doch war er zugleich mein Freund, und zwar ein wirklicher Freund; er hatte eine Oper gemacht, wozu ich die Musik komponirte: Panth ea. Das kann man Er­gebenheit nennen! Ja, meine Herren, der arme Lafare liebte mich in fünf Akten und zwar in Versen."

Warum lassen Sie diese Oper nicht aufführen, gnädiger Herr?"

Woran denken Sie, mein lieber Canillac? Dem Parterre daS'Recht zu geben, den Regenten für 15 Sous auszupfeifen! Die Pariser bezahlen, Dank der Steuern, das Recht theurer, mich auf den Straßen zu besingen, bedenken Sie das! Man muß seinen Rang behaupten, wenn man die Ehre hat, königlicher Regent zu seyn, und sich nicht der Gefahr aussetzen, ausgepfiffen zu wer­den . . . Gibt es denn aber, in Ermangelung dieses armen Lasare, Niemand sonst, der irgend etwas zu Ehren der Königinnen unseres Soupers improvisiren kaun?"

Gnädiger Herr, in Ermangelung eines Geübteren, will ich eS versuchen, wenn Sie es gnädigst erlauben, sagte Canillac."

Bravo Canillac! Ich kannte dieses Talent noch nicht an Ihnen!"

Sie werden es auch nicht weiter kennen lernen, wenn Sie meine Verse gehört haben."

Er sammelte sich einige Minuten, dann rezitirte er einen achtteiligen Vers aus dem Stegreife, worin er auf die beiden Hauptpersonen des Abends anspielte, indem er sie mit zwei Sternen verglich, von denen der Erstere in voller Glorie vor aller Welt, der Andere jedoch im Verborgenen strahle. Doch stehe, fuhr er fort, das Erbleichen des Erstern und der Sieg des Andern nahe bevor.

Um die Anspielung verständlicher zu machen, hatte sich Canillac bei den letzten Worten gegen A'i'ssa gewen­det. Die Parabere, bleich vor Wuth, war einem Zor- nesauSbruche nahe, als ein Diener erschien, und dem Regenten in Eile meldete, daß Einer seiner Garde-Offi­ziere ihn in einer wichtigen Angelegenheit, die keinen Aufschub leide, zu sprechen verlange.

Er soll morgen wieder kommen, sagte der Regent, die Stunde der Erholung ist jetzt da; ich will jetzt nichts von Geschäften hören..."