Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 193.
△ Die Circafsierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Kaum hatte daS der Prinz gelesen, alS er zornig mit dem Fuß stampfte . . .
„Verflucht, sagte er, Alles geht heute verkehrt; der Abbe Dubois verlangt von mir die Stelle eines Ehren» manneS, und Frau von Parabere, die ich erwartete, schlägt mir statt ihres Besuches ein Rendez» VouS mit einem alten Weibe vor."
„Wirklich!" sagte DuboiS mit affektirter Ueber« raschung, der nur in der Absicht hergekommen war, um die Wirkung dieses Theaterstreiches vorzubereiten.
„Ja, Du kannst selbst sehen, Abbe; um mich zu zerstreuen und von den drückenden Geschäften zu erholen, habe ich ein Téte-â-tcte mit der Wittwe von Ferriol in Aussicht, die mich um die Begnadigung ihres Bruders bittet. Doch daS soll nicht Statt finden, bei Gott! Entferne Dich, ich begebe mich wieder an die Arbeit, ich will lieber die Nacht dabei zubringen, als Frau von Ferriol empfangen; ich ziehe vor, mich auf unnütze Weise zu langweilen. Geh' Abbe, und sage unten, man solle die kleine Thüre in der Straße ValoiS für Jedermann verschließen."
„Das werbe ich wohl bleiben lassen, sagte Dubois bei sich, das Innere seines Hutes betrachtend. So will ich denn, gnädiger Herr, morgen zum Kanzler gehen, und meine Bestallung zum Staatsrath ausfertigen lassen."
„Du wirst Dich hüten, Abbe! . . . Das ist doch zu frech!"
„Im Falle des Mißlingens; nicht so, gnädiger Herr? Auf Wiedersehen, ich danke Ihnen."
Er ging hinaus und ließ den Regenten allein, ganz verdutzt von solcher Verwegenheit; dieser war jedoch schon
halb mit dieser Erhebung seines späteren Günstling- versöhnt.
Ungefähr eine Stunde später, als der Prinz ganz in seine Arbeit vertieft da saß, öffnete sich eine kleine Thüre und schloß sich sogleich wieder hinter einer verschleierten Dame.
„Gnädiger Herr", sagte schüchtern diese Frau nach einigen Minuten, während welcher die Aufmerksamkeit des Regenten sich nicht vermindert hatte.
„Was istdaS? sagte der,Regent, eine Frau hier!... Hat man meinen Befehl nicht ausgeführt?"'
„Gnädiger Herr, wiederholte die Neuangekommene mit einer vor Schreck ersterbenden Stimme, Frau von Ferriol . . ."
Sie sonnte kein Wort mehr hervorbringen.
„Frau von Ferriol, richtig; ich bedauere, Sie nicht empfangen zu können; ich muß allein bleiben."
„Dann, gnädiger Herr, entferne ich mich wieder," sagte die Bittende mit einer Stimme, welche, diesmal durch den Gedanken an eine nahe Entfernung sicherer gemacht, den Prinzen über ihren jugendlichen Klang erstaunen ließ. Er wandte sich um.
Fast versteinert stand er beim Anblick der schönsten Mädchengestalt, die er jemals gesehen.
Es war Aiffa.
Sie verneigte sich tief und wollte sich schon entfernen, als der Herzog hastig vortrat, ihre Hand ergriff und sie auf einen Sitz führte.
„Verzeihen Sie mir, mein Fräulein, aber ich erwartete nicht . . . Sie hatten den Namen der Frau von Ferriol ausgesprochen."
„Sie schickt mich her, gnädiger Herr; Frau von Pa- rabere hat mir Zutritt zu Ihnen verschafft."
„Die Parabere! bemerkte der Regent, das ist mir unbegreiflich!"