Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Algem. Zeitung.
1849. — M 198.
A Die Circassierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
„Mein Bruder ist auf immer verloren, fuhr Frau von Ferriol fort, indem sie auf Frau von Parabere einen durchbohrenden Blick schoß; denn bei der Nachricht von der Krankheit des seligen Königs verbot er mir, bei dem Prinzen mich für ihn zu verwenden, der ihm folgen werde; ich weiß nicht, wem ich seinen Haß gegen den Regenten zuschreiben soll: er setzt mich aber ebensosehr in Verwunderung, als er mich betrübt. „„Ich will, so schrieb er mir in seinem letzten Briefe (erlauben Sie, daß ich Ihnen denselben zeige; ach! ich habe ihn vergessen), ich will Dem nichts verdanken, der alles Glück meines Lebens zerstört, der mich meiner theuersten Hoffnungen beraubt hat.""
„Wie, das schrieb er Ihnen?"
„Ja, Madame; er erklärte jedoch den Sinn desselben nicht naher, doch glaube ich ihn zu verstehen."
„Sie glauben ..."
„Ich glaube, er schreibt dem Herzoge von Orleans einen Theil seiner Ungnade und seiner Verbannung zu; doch hat er wohl nicht bedacht, daß der Regent unter der letzten Herrschaft in nicht großer Gnade stand. Der Graf von Ferriol ist im Unrecht und Irrthume; ein Grund mehr, um einen Befehl nicht zu respektiren, den man nur einem Irrthume zuschreiben muß."
„Ja freilich, wenn es sich so verhält, und er sich selbst nicht helfen will, so müssen ihm wohl seine Freunde helfen; obgleich ich mich über ihn zu beklagen habe, bin ich doch noch immer seine Freundin; auch können Sie Recht haben: man hat ihn vielleicht verlâumdet. Ich will morgen oder übermorgen mit dem Regenten sprechen, denn heute denke ich nicht, Se. Hoheit zu sehen."
„Aber, Madame, die Bewerber um diese Stelle sind zahlreich und dringend; wenn man einen Augenblick nur zögert, so steht zu befürchten, daß Einer derselben den Sieg davon trägt."
„Ja, Sie haben Recht. Noch diesen Abend sollen Sie zu dem Regenten gelangen."
„Aber wie?..."
„Ich will Ihnen das Mittel sagen: Sie sollen an meiner Stelle gehen."
Ich befürchte jedoch, Madame, daß der Regent meinen Besuch statt des Ihrigen nicht annehmen wird und daß diese Stellvertretung gefährlich werden möchte."
„Im Gegentheil; weil keine Gefahr dabei ist (und die boshafte Favoritin fügte zwischen den Zähnen hinzu: für mich), deshalb eben schlage ich es Ihnen vor; auch will ich Monseigneur davon benachrichtigen. Diesen Abend soll mein Wagen Sie abholen; tragen Sie nur Sorge, bis zu dem Augenblicke, wo Sie zum Prinzen gelangen, verschleiert zu bleiben. Sobald Sie vor ihm erscheinen, wird diese Vorsicht unnöthig," fügte sie mit ironischem Lächeln hinzu.
„Ja, seyen Sie nur ruhig, der Schleier soll sich nur vor dem Prinzen lüften, antwortete Frau von Ferriol, wobei sie ihrerseits ein Lächeln unterdrückte. Ach, welchen Dank schulde ich Ihnen, Madame!"
„Ich erlasse Ihnen denselben. Auf heute Abend denn, halten Sie aber Wort!"
Während Frau von Ferriol unter tiefen Verbeugungen sich entfernte, setzte sich Frau von Parabere an ihre Toilette und schrieb dem Regenten ihre Antwort.
III.
Eine Audienz im Palais-Royal.
Am Abende des TageS, an dem die Marquise von Ferriol den Beistand der Frau von Parabere erlangt