Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — 191.
△ Die Circassierin.
Geschi chte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Der Name Ferriol hauchte ein leises Roth über die blaffen Wangen der Marquise. Einige Jahre früher, wie schon der Abbe Dubois bemerkt, war Herr v. Ferriol der Geliebte der Frau von Parabere gewesen. Als er zur Gesandtschaftsstelle in Konstantinopel berufen wurde, hatte sich der galante Graf von seiner Schönen mit einer Eilfertigkeit getrennt, die, indem sie die Eigenliebe derselben verwundete, in ihrem Herzen das Andenken an den Un# getreuen nur noch lebendiger machte; der Zorn (man kann diese Wahrnehmung bei allen Frauen machen) übt auf die Liebe einen sie in Wahrheit erhöhenden Einfluß auS.
Frau von Parabere, die einen Augenblick von der Anmeldung der Marquise von Ferriol ganz bestürzt und erstaunt war, faßle den Entschluß, eine Person nicht zu empfangen, die sie an einen Undankbaren erinnerte, als Frau von Ferriol an der Thüre des Gemaches erschien.
„Ah! sind Sie es, liebe Dame, sagte sie kalt zur Marquise; was steht zu Ihren Diensten?"
„Ich verlange für mich Nichts, Madame, Alles für meinen Bruder."
. „Ihr Bruder... Ach! ja... wirklich, der Graf von Ferriol... Was ist denn aus dem lieben Grasen geworden?"
„Er hat seinen Gesandtschastsposten verloren und Befehl erhalten, nicht nach Frankreich zurückzukehren."
„Ach! er war Gesandter! Wirklich! Er ist so schnell abgereiSt, daß er sich nicht die Zeit genommen, es mir zu sagen."
„Ach, Madame! Als Sklave der königlichen Befehle mußte er eben so schnell auf seinen Posten eilen, als er
ihn später verlassen mußte; er ward ein Opfer der Ver, lâumdungen der Frau von Maintenon bei Ludwig XIV."
„Was kann ich denn dabei thun?"
„Frau von Maintenon regiert nicht mehr, und das Szepter ist, wie man sagt, mit dem Regenten auf die Jugend, auf die Schönheit übergegangen."
Frau von Ferriol suchte die Wirkung dieser Schmeichelei warzunehmen, Frau von Parabere blieb jedoch unbeweglich.
„Man sagt, fuhr Frau von Ferriol fort, daß der Regent auch späterhin Ihnen daS Vertrauen schenken wird, daS er einer klugen Freundin schuldet."
„Der Regent, Madame, hat kein Vertrauen zu mir, ich vermag nichts bei ihm."
„Doch hat man mir gesagt, Sie allein vermöchten in diesem Augenblicke etwas bei Sr. Hoheit, und eS würde genügen, um den Grafen von Ferriol wieder zu Gnaden zu bringen, wenn Ihr Mund die Wahrheit sagte. Man hat boshafter Weise auSgesprengt, er habe die StaatSgelder zu seinem persönlichen Nutzen verwendet; sie wurden aber zu frommen Werken von ihm angewandt, die den Monarchen, dessen Repräsentant er war, nur ehren konnten; zum Beweise dafür hat er eine junge Sklavin loSgekauft, die auf Befehl eines grausamen Herrn sterben sollte."
„Ah! Ihr Bruder kauft Sklavinnen, versetzte Frau von Parabere; wenn er nur solche Werke der Barmherzigkeit aufweisen kann, so wundert mich's nicht sehr, daß sie nicht hinreichend scheinen, um seine Aufführung bei dem seligen Könige zu rechtfertigen. Ich begreife vollkommen, daß Herr von Ferriol die Sitten des Landes angenommen, wohin seine Funktionen ihn geführt; doch ist man weder ein vollkommener Gesandter noch ein vorwurfsfreier Christ, wenn man sich ein Serail vermittelst Staatsgeldern bildet."