Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Naffamscheu Allgem. Zeitung.
1849. — â 189.
A Die Circassierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
II.
Die Geliebte des Regenten.
Am 1. September 1815, kurze Zeit nach der Vorstellung des Armida war Gesellschaft in dem Salon des Marquise von Ferriol.
Plötzlich ließ sich ein schneller Schritt im Vorzimmer hören, der Abbe Dubois, selbst die Thüre des Salons öffnend, ohne sich anmelden zu lassen, erschien ganz bestaubt.
„Nun, was gibt es Neues, Herr Abbe? sagte Frau von Ferriol; welche Nachricht führt Sie so eilig her?"
„Eine sehr wichtige, Madame, erwiederte der Abbe; der König ist diesen Morgen um 8 Uhr gestorben."
Eine unbeschreibliche Bewegung gab sich bei dieser Ankündigung in der Gesellschaft kund, und kaum hatte Dubois in fast gerührtem Tone die Schilderung der letzten Stunden beendet, in denen Ludwig XIV. nach so vielen Schwächen und Fehlern sich wieder groß gezeigt, als Jedermann nach seinem Wagen oder seiner Sänfte verlangte, und sich beeilte, das Haus der Frau von Ferriol zu verlassen. Man kannte die zwischen dem Herzog von Orleans und den Bastarven des verstorbenen Königs entstandenen Streitigkeiten um den Besitz der Regentschaft , vielleicht selbst des Königreichs, und wollte bei der Ungewißheit der Zukunft vermeiden, sich über diese Frage in Gegenwart des Abbe Dubois auszusprechen, dessen Stellung zum Herzog von Orleans Niemandem unbekannt war.
Als Dubois sich mit der Marquise allein sah, kehrte er zu seinem gewöhnlichen Spötteln zurück, und sagte halblaut zu ihr:
„Sie sind bei dieser Nachricht davon geflogen wie Lerchen bei einem Schusse ; schicken Sie diese junge Tur, teltaube in ihr Nest zurück, setzte er hinzu, auf Aissa zeigend, die einen Augenblick ihre Arbeit, mit der sie beschäftigt war, unterbrochen, um die rührenden Details über den Tod des großen Königs anzuhören, und sie dann eifrig wieder begonnen hatte."
Auf ein Zeichen der Marquise stand Arssa auf, und nachdem sie eine tiefe Verbeugung gegen den Abbe Dubois gemacht, ohne zu wagen, dies Satyr-Gesicht anzublicken, verschwand sie.
„Diese Kleine ist wirklich entzückend, murmelte der Abbe. Ja. liebe Marquise, wenn ich dem Könige kaum Zeit zum Sterben gelassen, um Ihnen eine neue Herrschaft zu verkünden, so geschah dieses in ihrem Interesse, wie Sie wohl denken können. Der Herzog von Orleans begibt sich morgen in das Parlament, um dasselbe zu bitten, seine Rechte auf die Regentschaft zu bestätigen, die das Testament deö seligen Königs wohl ein wenig kompromittiren dürfte."
„Sie wollen wohl ohne Zweifel Ihre Hoheit für unsere Angelegenheit interessiren. . . von Ihr die Rückberufung meines Bruders und seine Wiedereinsetzung in seine Würden erlangen? Ach! der Himmel möge Sie sür diesen edelmüthigen Gedanken belohnen!"
„Ich hoffe sehr, sagte der Abbe beständig lachend, daß der Himmel für diese Sorgen einen Bevollmächtigten auf dieser Erve nehmen wird; aber lassen wir diese mystische Sprache, Marquise; wir kennen einander. Was Sie wünschen, ist nicht leicht. Unter uns, der liebe Bruder ist nur mit zu vielem Rechte in Ungnade gefallen. Wenn man ihm seinen Gesandtschafsposten zurück, gäbe, so würde das viel Geschrei verursachen, und beim Beginne ihrer Macht müssen die Könige gerecht seyn; man erlangt Alles vom Volke, wenn man nicht bamit