Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauische» Allgem. Zeitung.
1849. — .1" 186.
A Die Circassierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
„Das ist freilich wahr, Herr Graf; doch bin ich von Einem Ihrer Landsleute bevollmächtigt, in dieser Ange, legenheit mit Ihnen zu unterhandeln. Ich rede im Namen Seiner Hoheit des Prinzen von Savoyen, Generalissimus der kaiserlichen Armeen."
„Des Sohnes der Gräfin von Soissons! eines Ver- râthers, der die Waffen gegen seinen König und sein Land führt!"
„Aber Herr Graf! hat denn nicht der König Sie verabschiedet? Sind Sie nicht ruinirt?
„Daö ist möglich, Herr, aber wenn ich auch nicht mehr Gesandter bin, so bin ich doch noch Franzose. Entfernen Sie sich!"
„Wie sie wollen, Herr Graf; ich hoffe jedoch, ein andermal glücklicher zu seyn."
Bei diesen Worten verneigte sich Herr Marini tief und ging hinaus, wie er eingetrelen war, mit Lächeln auf den Lippen.
„Verabschiedet und ruinirt! es ist wahr," sagte Fcr- riol, als er seinen Besuch weggehen sah.
„Verabschiedet und ruinirt!" wiederholte eine Stimme neben ihm.
„Ach! bist Du es, La Roche? versetzte der Graf, seinen Kammerdiener bemerkend, der eben eingetreten; ich muß Dir jedoch sagen, daß ich die Echo's nicht liebe, wenn sie nur solche Worte zu widerholen haben."
„An wem liegt die Schuld? gnädiger Herr?
„Ei! an Jedermann; an den Frauen vorerst. Weß- halb sind sie schön?"
,„An den Frauen! Gehen Sie gnädiger Herr! Seyen Sie aufrichtiger, an einem Kinde."
„Ein Kind! Was willst Du damit sagen?"
Ja, gnädiger Herr, an einem Kinde; an der kleinen Sklavin, die Sie so thöricht waren, für 20,000 Franken zu kaufen, und welche die Ursache Ihres Sturzes ist; denn wenn Sie nicht die Summe zu bezahlen gehabt, |o würde der Großvezier seinen Kaftan erhalten haben und Sie wären noch Gesandter. Jetzt sind Sie weit mit Ihrer kleinen Sklavin gekommen! Ich wette, daß wenn Sie dieselbe verkaufen wollten, Sie nicht 100 Pistolen dafür bekommen werden."
„Ich will sie auch nicht verkaufen."
„Was wollen Sie denn aber mit Ihr anfangen?"
„Höre, La Roche, Du bist nicht verbannt, da Du kein Gesandter warst. Du sollst nach Frankreich reisen, die Kleine mit Dir nehmen und sie zu meiner Schwester, der Marquise von Ferriol, bringen."
„Ein schönes Geschenk, was Ew. Erzellenz der Frau Marquise macht."
„Wer weiß, La Roche? Hast Du mir nicht selbst gesagt, daß eine Wohlthat niemals verloren sey?"
„Gewiß, gnädiger Herr, denn eine Wohlthat wird immer eine Bürde."
„Nun denn, Du hast mich verstanden. Morgen mußt Du unterwegs seyn."
„Toch, gnädiger Herr, was soll denn aus Ihnen in der Türkei werden?"
„Oh, das beunruhigt mich am wenigsten. Ich rauche, Ich spiele, ich . . . das ist mehr, als ich nöthig habe, meine Langeweile zu vertreiben. Und dann, La Roche, der König und Frau von Maintenon sind sehr alt und kränklich, wie man behauptet. Ihre Herrschaft kann nicht lange mehr dauern, und jede neue Regierung hat die Feinde des Alten zu natürlichen Freunden. Glaube mir,, das war noch nicht mein letzter Gesandtschaftsposten."
„Das möge Gott geben, gnädiger Herr!"