Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 185.
△ Die CircasfierLn.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
Als Herr von Ferriol nach Konstantinopel kam, wo er den Gesandtschaftspalast in völliger Zerstörung fand, wie sein Diener ihm gesagt, war es seine erste Sorge, den Schatzmeister der Gesandtschaft aufzusuchen.
„Herr, sagte er zu ihm, ich habe eine Schuld von 20,000 Franken kontrahrt. Sorgen Sie dafür, daß sie gleich bezahlt werde."
„Herr, erwiederte Dieser, Ew. Erzellenz weiß wohl, daß unsere Kassen ganz leer sind und wir noch viele Schulden bezahlen müssen."
„Ich weiß es; doch muß ich 20,000 Franken haben, wenn Sie so viel nicht besitzen, so müssen Sie dieselben irgendwo borgen."
„Ach! gnädiger Herr, ich zweifle sehr, b/jg sich in Konstantinopel Jemand findet, der Ew. Erzellenz zu kre- ditiren geneigt seyn möchte."
„WaS soll das heißen, mein Herr? Ich finde es sehr kühn, so mit mir zu reden. Ich wiederhole Ihnen, daß ich 20,000 Franken haben muß, und daß es Ihre Sache als Schatzmeister der Gesandtschaft ist, sie mir zu verschaffen."
Der unglückliche Schatzmeister zog sich seufzend zurück, als man die Ankunft eines Kuriers aus Frankreich ankündigte.
„Zu rechter Zeit! sagte der Graf; ich wette, erbringt Geld. Er sey willkommen."
Herr von Ferriol hatte sich in seiner Voraussicht nicht getäuscht. Der Kurier brachte wirklich Geld und zugleich eine Depesche des Herrn von Torcy, Ministers der auswärtigen Angelegenheiten. Diese Depesche verkündete dem Gesandten, daß der König mit seiner Lebens
weise sehr unzufrieden sey, und daß er, wenn er sie nicht gleich ändere, sich genöthigt sehe, ihn seines Gesandtschaftspostens zu entheben. Zu gleicher Zeil ward dec Herr von Ferriol angewiesen, um die hohe Pforte zu besänftigen, welche wegen des französischen Gesandten einige Klagen hatte laut werden lassen, dem Großvezier den reichsten Kaftan, den man zu Konstantinopel finden könnte, für die 30,000 Franken, die man ihm sandte, zum Ge- schenk zu machen.
„Donner und Blitz! rief der Graf, nachdem er die Depesche des Herrn von Torcy gelesen, der Großvezier kann sich ohne Kaftan behelfen; ich behalte die 30,000 Franken; 20,000 für den Eunuchen und 10,000 für daS Pharao."
Gesagt, gethan; doch waren kaum zwei Monate verflossen, als ein neuer Kurier mit Depeschen des Herrn von Torcy nach Konstantinopel kam. Dießmal beschränkte sich jedoch die Botschaft auf keinen Tadel mehr. Herrn von Ferriol ward befohlen, seine Vollmacht in die Hände eines ihm bezeichneten Nachfolgers niederzulegen und weder am Hofe noch in Frankreich überhaupt jemals wieder zu erscheinen, ohne ausdrückliche Genehmigung des Königs.
Noch am nämlichen Abende erschien ein Fremder im Gesandtschaftspalaste und verlangte den Grafen v. Ferriol insgeheim zu sprechen. Dieser Fremde war Herr Marini, derselbe, der, wie man gesehen, auf eine für den Grafen so unangenehme Weise zurückgekehrt war und ihn genöthigt hatte, durch das Fenster seiner Schönen zu ent, wischen.
„Meiner Treu! sagte Herr v. Ferriol, als man ihm diesen Besuch ankündigte, ich erwartete ihn jetzt nicht mehr. Doch einerlei, er sey willkommen. Er konnte nicht gelegener kommen, um mich nach dem Grunde seiner Entehrung zu fragen; denn ich verspüre große Lust, mir mit Jemand den Hals abzuschneiden. Wenigstens werde ich,