Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauische» Allgem. Zeitung.
1849. — â 184.
△ Die Circassierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
„Höre, sagte er zu dem Manne, ich verlange nur, daß Du eine Stunde lang die Ausführung des erhaltenen Befehles aufschiebst. Ich werde unterdessen den Pascha aufsuchen; mein Name, meine Würbe werden mir Zutritt zu ihm verschaffen, und wenn er darauf besteht, die Mutter zu verdammen, so wird er doch wenigstens, das bin ich sicher, das Kind begnadigen."
„Herr, der Pascha ist abgereist, um die Grenzen zu besichtigen, er wird erst in einem Monat zurückkehren."
„Das ist sehr fatal! Ei nun! ich denke, wenn er abgereift ist und erst in einem Monat zurückkehrt, was hindert Dich, bis zu seiner Rückkehr zu warten? Ich nehme alle Verantwortlichkeit dieser Angelegenheit auf mich, ich will zum Großvezier, zum Sultan gehen."
„Herr, Deine Forderung ist unausführbar! Ich bin bereits dafür strafbar, daß ich so lange gezögert habe. Gib mir also das Kind zurück, und versetze mich nicht in die Nothwendigkeit, zu diesem Zwecke Gewalt anzuwenden."
Zugleich streckte der Eunuche seine beiden Arme in die Höhe, um in die Hände zu klatschen und dadurch die Soldaten zu seinem Beistände herbeizurufen; das junge Mädchen, welches kein Wort der Unterredung verloren hatte, brach in Schluchzen aus.
Herr v. Ferriol faßte schnell den Arm des Eunuchen.
„Halt, Elender! ries er, dieses Mädchen ist zu mir gekommen, und hat meinen Schutz angefleht; man soll nicht sagen, sie habe sich vergeblich in einer solchen Lage an den Grafen von Ferriol, den Gesandten des Königs von Frankreich, gewendet. Sie soll nicht sterben! Hörst Du? Wähle also gleich unter folgenden zwei Vorschlä
gen. Bestimme Dir selbst den Preis des Lösegeldcs für das Mädchen. Ich kaufe es Dir ab, so hoch er auch seyn mag, er wird Dir richtig gezahlt werden, darauf mein Edelmannswort. Weigerst Du Dich jedoch, so schieße ich Dich aus der Stelle nieder!"
Zugleich zog der Graf eine Pistole aus der Tasche, deren Hahn er spannte. Zitternd und halb todt vor Schrecken fühlte der Eunuche seine Kniee wanken, und stammelte:
„Herr, Du willst also, daß ich in einem Monate bei der Rückkehr des Pascha sterbe?"
„Das ist Deine Sache."
„Nun denn! gib mir 20,000 Franken."
„Das ist viel für ein Kind. Doch Du hast mein Wort und sollst sie erhalten."
Ein Schrei, dessen Ausdruck wohl kein menschliches Wort schildern könnte, entwand sich aus der Brust des jungen Mädchens, das sogleich die Hand ihres Wohlthäters losließ und sich in die Arme seiner Mutter warf. Das unglückliche Geschöpf, das, wie wir gesehen, bisher ein büsteres Schweigen beobachtet, schlug rasch den lan, gen schwarzen Schleier, in den sie gehüllt war, zurück, und, indem sie in die Kniee sank, bedeckte sie ihr Kind mit Küssen und Thränen; darauf wandte sie sich zu Hrn. von Ferriol, der mit dem Eunuchen nach Abschließung ihres Handels zurückkam, und sagte gerührt:
„Herr, sey für Deine gute That jetzt und für immer gesegnet, daß Du mein armes Kind von diesem grausamen Tode errettet hast. Herr, Dir gehört jetzt meine Tochter; sie ist Deine Sklavin. Möge sie bald Dein Vergnügen, Dein Stolz seyn; Dein Trost und Deine Stütze im Alter! Der Fluch ihrer Mutter soll sie treffen, wenn sie jemals einen Augenblick vergessen könnte, daß alle ihre Gedanken Dir allein gehören und daß sie nur für Dich leben und sterben soll!