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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1849. .1 188.

Die Circassierin.

Geschi chte aus der Zeit der Regentschaft. Nach A. v. Lavergne erzählt von August M circk h off.

Prolog.

Der Golf von Smyrna.

Es war eine schöne Sommernacht im Jahre der Gnade 1710; der volle Mond versilberte mit seinen sanf­testen Strahlen die entzückenden Ufer des Golfes von Smyrna, in dessen Gewässern sich alle die lachenden Land­häuser zu bewundern schienen, die sich fächerartig an der Küste des wollüstigen Ioniens auSbreiten. Man vernahm nur das Geräusch der Wogen, die sich sanft plätschernd an dem Ufer brachen, womit sich zuweilen der Gesang einer Nachtigall mischte, die in einem Gebüsch von Rosen- dâumen verborgen saß. Die Meerluft, welche von den Inseln Chios, LemnoS und Cythern herüberwehte, war mit Wohlgerüchen von Tausenden von Blumen geschwän­gert und erfüllte damit die ganze Atmosphäre.

Ungefähr eine kleine Meile von der Stadt Smyrna, dem reichen Bazar Kleinasiens, entfernt sah man um Mitternacht sich geheimnißvoll ein Fenster öffnen. Ein ziemlich großer Mann, dessen Aussehen nicht gerade Ju­gend verrieth, obgleich er noch sehr gelenk schien, stieg eilig mittelst einer seidenen Strickleiter aus dem Fenster herab, und ward auf sehr achtungsvolle Art von einem ihn unten erwartenden Manne empfangen, der in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllt war. Hierauf durcheilten Beide einen Garten, und nachdem sie eine Einschließungs­mauer überstiegen, befanden sie sich am Ufer des Meeres, wo sich folgendes Gespräch unter ihnen entspann.

Möge der Teufel Dich holen, La Roche, daß Du mich auf diese Weise dem süßesten téte-â-tcte entreißest, da die Nacht kaum beginnt!"

Es ist halb Eins, Monseigneur."

Was macht das!"

Eine Viertelstunde später könnten Sie von dem Manne überrascht werken."

Von dem Manne! Ei! wirklich? Wie! dieses Ge­schöpf sollte sich erdreistet haben. ..?"

Er hat die Dreistigkeit gehabt, zurückzukehren, Mon­seigneur."

Du hast ihn gesehen?"

Ja!"

Wie sieht er aus?"

Nun... wie... ein Ehemann."

Wie noch?"

Er ist groß und mager, mit sehr dicken Augenbrau- nen, einem großen Munde und einer Nase... o! was für eine Nase, Monseigneur! ich habe niemals eine solche Nase gesehen!"

Hast Du mit ihm gesprochen?"

Ich habe mich wohl gehütet."

Memme!"

War es nicht besser, hierher zu eilen, um Sie zu benachrichtigen?"

Das ist wahr; wie hast Du es aber angefangen, ihm vorauszueilen?"

Nichts einfacher: der Herr Marini ist vor kaum zwei Stunden zu Smyrna angekommen, wo er vorläufig anhielt, indem er die Absicht aussprach, noch heute Abend nach seinem Lanbhause sich zu begeben, er wird in eini­gen Minuten hier seyn. Ich denke jedoch, gnädiger Herr, daß Sie in einigen Minuten außer seinem Bereich seyn werden?"

Wie so?"

Eine Felucke erwartet Sie eine halbe Meile von hier, ganz bereit, unter Segel zu gehen. Der Patron wird eine Barke schicken, um uns hier abzuholen; daS ist verabredet."