Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt jur Nassauischen Allgem.
1849. — .1" 179.
Norddeutsche Volkssagen
2.
Der Wärwolf.*)
Der Wärwolf ist ein böser Zauberer, der sich in einen Wolf und in allerlei grimmige Thiergestalten verwandeln, und dann, ohne daß man ihm etwas anzuhaben vermag, Menschen und Vieh Schaden zufügen kann. Er muß sich aber dann in seiner wahren Menschengestalt zeigen, wenn ein unschuldiges Kind ein Stück Stahl über ihn hinwirft, und das eher wieder aufgreift, als der Wärwolf; greift aber der Wärwolf es zuerst, so ist das Kind verloren. Denn jener wird wüthend und zerreißt es. Es sind wohl schon drei Jahrhunderte her, als ein solcher Wärwolf in dem Dorfe Ergste lebte. Er hatte mit dem Teufel einen Bund gemacht und konnte sich in allerlei Gestalten verwandeln ^und verübte allerlei boshafte und gefährliche Streiche. Besonders liebte er es, sich in einen Wolf zu verwandeln und in dieser Gestalt Schafe, Kühe und anderes Vieh aus den Ställen und von den Weiden zu rauben. Jedermann fürchtete ihn, aber Niemand konnte ihm etwas anhaben; denn die Macht des Satans schützte ihn. Einstmals aber, als er in den Stall eines Bauern gedrungen war, um Schafe zu stehlen, warfen die beiden Knaben des Bauern, der eine eine Scheere, der andere ein Messer kreuzweise über ihn und fingen sie geschwind wieder auf, ehe der Wärwolf dazu kommen konnte. Jetzt mußte er seine natürliche Gestalt annehmen und sich gefangen geben. Er wurde nach Lim, bürg an das peinliche Halsgericht gebracht, und hier, um zu sehen, ob er ein Zauberer sey oder nicht, unterm Oegersteine in die Lenne geworfen. Wenn er oben blieb so war er ein Zauberer; wenn er aber zu Grunde gehen
*) Theils mündlich, theils nach Stahl.
konnte, so war es gut. Lang schwamm er oben und es war ihm nicht möglich, unterzutauchen, und schon wollten Richter und Volk ihn als bösen Zauberer verurtheilen. Da wandte sich der Wärwolf in seiner Herzensangst an seinen Bundesgenossen, den Teufel, und flehte ihn um Hülfe an. Dieser verließ ihn auch nicht, und verwandelte alsbald eine Nähnadel, die der Zauberer bei sich trug, in ein schweres Beil, also daß er zu Grunde ging. Er wurde jetzt für unschuldig erkannt, aus dem Wasser gezogen und freigegeben. Er trieb darauf sein Wesen nach wie vor. Nachmals aber, als er in einen tiefen Schlaf gefallen war, überfielen ihn die Bauern Plötzlich und legten Feuer an seinen Leib. Als er erwachte, wollte er sich zwar schnell verwandeln, allein es war zu spät, und er mußte elendig verbrennen. Seine Asche vergruben sie seitabs vom Kirchhofe, wo er noch jede Nacht spuken geht, jammert und winselt, wie Jemand, der verbrannt wird. —
Der alte Voigt, *) ein Schneider im Ellerbusch (ein Weiler in der Nähe des historisch berühmten Rittergutes Beck), ging einst mit seinem Sohne nach Oberbeck, um mit ihm bei einem Bauer auf Tagelohn zu arbeiten. Er hatte aber auch noch einem andern an diesem Tage zu helfen versprochen und wie er nun Abends spät nach Hause zurückkehren will, kommt ein Wärwolf auf Vater und Sohn loSgestürtzt. Der Sohn ergreift die Flucht, aber der alte Voigt wirft seine Scheere über den Wolf, worauf dieser bald in seiner natürlichen Gestalt vor ihm steht und nun als der erkannt wird, dem der alte Voigt sein Wort nicht gehalten hatte. Voigt hat auch am andern Tag bei ihm genäht, hat aber niemals gesagt, wer der Wärwolf gewesen sei.
*) Die Differenzen zwischen dieser und der vorhergehenden Sage rühren natürlich daher, daß ich nach dem Munde des Volks erzähle.