Der Wanderer.
Belletristisches- Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — . I" 178.
t Die sieben Küffe Buckinghams
(Fortsetzung)
Waö Anna von Oesterreich anlangte, so waren ihre Blässe und ihre Traurigkeit um so sichtbarer, jemehr ihr Kleid von weißem mit Gold und Silber gestickten Atlas nach kastilianischer Mode strahlte. Ihre offene Halskrause ließ ihren bewundernswerthen Nacken sehen. Ein kleines Barett von grünem Sammet, mit einer Pfauenfeder geziert, auf dem Haupte, erschien sie so anbetungswürdig schön, daß, wenn Buckingham sie in diesem Augenblicke hätte sehen können, er sich ohne Zweifel in Gegenwart des ganzen Hofes zu ihren Füßen geworfen hätte.
Der König grüßte die Damen mit Anmuth und gab das Zeichen zum Tanze, indem er die Hand der Gemahlin des Vorstehers der Kaufleute nahm, während dieser Letztere die Einladung der Königin empfing.
Ein damals üblicher Fackeltanz begann. Ein flinker Tänzerkreis bildete sich, welche Fackeln schwangen, von denen sie Tausende von Funken herabschüttelten. Die sieben Ehrendamen der Königin nahmen Theil daran.
Plötzlich ertönte ein Ausruf des Schreckens inmitten dieses fröhlichen Kreises. Das Kleid einer Tänzerin hatte sich entzündet, und in einer Sekunde war das arme Mädchen von Flammen umgeben. Die Tänzerdamen flohen nach allen '.Seiten, wobei sie ängstliches Geschrei ausstießen, selbst die Männer wichen unentschlossen zurück.
Da stürzte sich Einer der Zuschauer, als Armenier gekleidet, der dem Tanze mit düsterem Blicke gefolgt war, auf das junge Mädchen, preßte sie in seine Arme, suchte sie mit seinem großen asiatischen Mantel zu umhüllen, um die Flammen darunter zu ersticken, und sie mit seinen Händen zu unterdrücken, wobei er heldenmüthig den Brandwunden trotzte. Durch die Schnelle seiner Bewegungen schützte er das Antlitz der Tänzerin, riß ihr das bren
nende Oberkleid ab, und löschte das Feuer unter seinen Füßen.
Seltsam! im Augenblicke, wo alle Gefahr beseitigt war, und er daS reizende Antlitz des jungen, vor Schreck in seinen Armen ohnmächtig ^gewordenen Mädchens sah, erzitterte er an allen Gliedern, indem er leise mit leidenschaftlichem Ausdrucke murmelte:
„Katharina! Katharina!"
Unterdeß hatten sich die Tanzenden wieder beruhigt, und näherten sich ihm, nachdem sie sämmtlich ihre Fackeln ausgelöscht hatten; doch der Armenier rief:
„Platz! Platz! meine Herren, man muß diese junge Dame aus dem Saale bringen, wo die Hitze sie hindern könnte, sich wieder zu erholen."
Er raffte die kostbare Bürde auf und eilte damit nach dem Eingänge, bevor die Gefährtinnen des Fräuleins von Angennes, denn sie war es, die das Feuer ergriffen, zu ihr dringen, und ihr Hülfe bringen konnten. Doch geschah es so schnell, daß nicht lange die Freude und der Glanz des Balles dadurch getrübt wurden. Die Tänze begannen eifriger als je.
Der Armenier brachte Fräulein von AngenneS in das für ven Vorsteher der Kaufleute aufbewahrte Zimmer. Als sie, die Augen öffnete, sah sie ihn zu ihren Füßen, ihre Hand mit Küssen und Thränen bedeckend. Anfangs erschrack sie, als sie sich allein mit diesem Manne in der seltsamen Kleidung befand, welche sein halb verbrannter Bart und sein von Rauch geschwärztes Gesicht fast häßlich machten; doch erzitterte sie wider ihren Willen, als ihre Blicke sich trafen, und er traurig zu ihr sagte:
„Katharina, erkennen Sie mich nicht?"
Sie richtete sich ungeachtet ihrer Schwäche auf, und rief:
„Herr von Fargy hier! und Sie allein haben den I Muth gehabt, mich zu retten!"