Der Wanderer.
Belletristisches ^ Beiblatt zur Nassauische» Allgem. Zeitung.
1849. — .1" 170
i Die sieben Küsse Buckinghams
(Fortsetzung)
Der Kardinal antwortete nicht. Er wandte sich zu der Dame und bot ihr seinen Arm an, indem er sagte:
„Madame, erlauben Sie, daß ich Sie begleiten darf?"
Sie nahm es an, oder vielmehr sie gehorchte, und alle drei stiegen allein die große Treppe hinauf.
Sie traten in das Zimmer, wo Ludwig XIII. sie erwartete. Der König war bleich, unruhig und bewegt; seine Augen glänzten fieberhaft.
„Da sind Sie ja endlich, Mylord-Herzog! sagte er lebhaft. Ich warte voll Ungeduld, Sie zu sehen."
Buckingham verneigte sich achtungsvoll und entblößte sein Haupt.
„Ich habe strenge Rechenschaft von Ihnen über Ihre Handlungen zu fordern. Versuchen Sie nicht mich zu täuschen, mein Herr. Sie haben meinen Hos mit dem Lârme Ihrer Liebesabenteuer erfüllt, und ans Achtung für meinen Bruder von England habe ich Sie nicht öffentlich noch heimlich tadeln wollen, da ich den Skandal hasse. Sie haben sich im Zweikampf geschlagen unge* achtet meiner Verbote. Sie haben leichtsinnig über mich sich geäußert, und obgleich ich es erfuhr, habe ich es doch nicht geahndet. Doch Alles das genügte Ihnen nicht: Sie haben Ihre tollen Wünsche so hoch gestellt, daß Ihre Intriguen Verbrechen geworden sind. Meine Nachsicht hat Sie kühn gemacht. Sie haben die Ehre des Königs angegriffen, da Sie wohl wissen, daß der König seinem Volke Rechenschaft über sein Leben schuldet und es nicht gegen das Ihrige wagen kann. Reden Sie jetzt, können Sie sich rechtfertigen?"
„Sire, erwiederte der Herzog mit dem Ausdrucke tiefen Staunens, ich begreife Sie nicht."
„Sie begreifen mich nicht! rief Ludwig XIII. voll Unwillen. Erklären Sie mir denn Ihre Gegenwart in den Gärten der Königin! Wer hat Sie eingeführt? Ha! auch Sie halten mich für blind. So erfahren Sie denn, Mylord, daß ich in dem Dickicht verborgen, das an die Schlangenallee stößt, Alles gehört habe, und daß ich Zeuge Ihrer galanten Unterhaltung gewesen, worüber die Schamröthe mir noch in's Gesicht steigt!"
Ludwig XIII. trat auf die maskirte Dame mit konvulsivischer Wuth zu, nnd ihren Arm ergreifend sagte er:
„Glauben Sie, Mylord, ich wüßte den Namen dieser schönen Dame nicht?"
„Sire, erwiederte Buckingham, der Argwohn des Herrn Kardinals ist schändlich!"
„Kein Wort, mein Herr, erwiederte der König mit schrecklichem Ausdrucke. Ich weiß ihren Namen, sage ich Ihnen. Finden Sie nicht, Mylord, daß ein Diadem dieser schönen Stirne sehr gut stehen würde?"
Die unglückliche Frau fiel zu den Füßen des Königs, dessen Hand bereits die Kaputze ihres Mantels ergriff.
„Oh! Wenn das Maaß der Vergehen dieser Frau voll ist, fuhr Ludwig fort, wenn sie auch eine Ehebrecherin ist, so werde ich weder die Rechte des Blutes noch das Recht der Nationen achten. Dann soll Blut fließen, Mylord!"
Hier zog Buckingham seinen Degen, zerbrach ihn vor dem Knie und warf die Stücke hinter sich. Dann kühn zwischen die maskirte Dame und den König tretend^ sagte er:
Sire, berühren Sie nicht diese Frau!,,