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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.

1849. M 169.

i Die sieben Küsse Buckinghams

(Fortsetzung)

Man konnte eine Mücke in dem Gemache fliegen hören. Nach einem Augenblick Schweigens bekreuzte sich Richelieu und sagte mit lauter Stimme:

O Gott! vergib uns unsere Schuld, wie wir ver­geben unsern Schuldiger»!"

Ei! sagte der Herzog, ich wußte, daß Ihr Herr sich viel mit Tragödien abgab, Herr von Rochefort, doch wußte ich nicht, daß er sich auch in der Komödie aus­zeichnete."

Niemand antwortete.

Genug! Herr Herzog, erwiederte der Kardinal, der seine schreckliche Ruhe wiederfand, um gegen seinen star­ken Feind anzukâmpfen. Halten Sie sich bereit, einem Richter zu antworten."

Ich erkenne keinen Richter in Frankreich über mir, erwiederte stolz der Herzog; denn sich reprâsentire hier meinen Herrn, den König von England, dessen Gesandter ich bin. Sie haben, Herr von Richelieu, nicht mit einem von jenen Evelleuten zu thun, die Sie zu Ihren Spio­nen, zu Ihren Knechten und Henkern machen. Ich halte Sie selbst nicht einmal für Meinesgleichen. Ihr Haus ist von ärmlichem Adel neben dem meinigen, und der Gesandte Karl L weicht nicht dem Minister Ludwigs XIII. Sie mein Richter! O gehen Sie! Sie scherzen!"

Der große Kardinal, dem nicht einmal die Prinzen von Geblüt zu widerstehen wagten, ward tief von diesem Spotte getroffen.

Nicht eine Muskel bewegte sich an seiner eisigen Ge­stalt, aber in seinem Herzen^ schwor er Buckingham ein baldiges Verderben.

Indeß begann er sein Verhör wieder.

Ich wüßte nicht, Herr Herzog, daß der König von England einen Gesandten in die Gärten der Königin zu dieser Stunde der Nacht schickt. Uebergehen wir daher diese Eigenschaft mit Schweigen!"

Hüten Sie sich! rief Buckingham; hüten Sie sich, Herr Kardinal! Ein so kühnes Wort aus einem so klu­gen Munde als dem Ihrigen muß irgend eine ungewöhn­liche Absicht verdecken. Sie sind ein großer Politiker; doch hüten Sie sich, zu hoch zu zielen, wenn Sie gut zielen wollen."

Ich danke Ihnen für Ihren Rath, Herr Herzog, sagte Richelieu ironisch; wenn ich aber etwas beschlossen habe, so bleibe ich nicht auf halbem Wege stehen. Wollen Sie auf meine Fragen antworten?"

Niemals! mein Herr, rief Buckingham aus. In Gegenwart aller dieser Edelleute fordere ich meine augen­blickliche Freiheit und die der Dame, die unter meinem Schutze steht."

Unmöglich! Mylord."

Ich verlange ferner Genugthuung für die Beleidi­gungen, die man mir zugefügt, Herr Kardinal."

Sie belieben zu scherzen, Mylotd!"

Nun denn! wenn Sie in Ihrem schimpflichen Be­nehmen beharren, so nehme ich Gott und die Anwesenden zu Zeugen über die Verletzung des Völkerrechts, die Sie an mir begehen, Kardinal von Richelieu, und fordere Rechenschaft im Namen des Königs Karl, meines Herrn!"

Ich kann dies nachher mit Ihnen ausmachen, Herr Herzog, wenn Sie uns den Namen der Dame genannt haben, deren Ritter zu seyn Sie das unschätzbare Glück haben."

Ich hielt Sie für einen Edelmann, Herr von Ri­chelieu!" rief der Herzog voll Unwillen.