Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — Jtë 153.
i Die sieben Küsse Buckinghams
(Fortsetzung)
„Der Mann, den Du liebst, hat sein Herz, sein Leben und seine Ehre zu den Füßen der Frau niedergelegt, die Du hassest. Du hast mich gerufen, weil Du auf meinen Beistand rechnest, um Dich zu rächen und zu be, wirken, daß Du geliebt werdest, ist es nicht so?"
„Es ist wahr!" stammelte sie keuchend.
„Verlangst Du Namen?" fragte der Geist.
„Ja," erwiederte sie mit schaudernder Stimme.
„So höre! die Frau, die Du hassest, ist die größte Dame auf der Welt, eS ist die Königin von Frankreich. Der Mann, den Du liebst, ist der Herzog Georges VillierS von Buckingham. Solltest Du es zu leugnen wagen?"
Bei dieser Frage erhielt das Ehrenfräulein ihren ganzen anmaßenden Stolz wieder.
„Warum sollte ich leugnen, was wahr ist, und was Du so gut weißt?" ,
„Höre, erwiederte die Stimme, der König der höllischen Geister hat mir befohlen, Dir zu gehorchen. Drei Tage lang werde ich Dir Unterthan seyn. Rede ohne Furcht. Worin Deine Wünsche auch bestehen mögen, ich werde sie erfüllen."
„Ach! hast Du auch die Macht dazu?"
Der Geist antwortete nicht.
Die Zauberin ergriff jetzt das Wort:
„Was haben Sie gesagt, unglückliches Kind? Noch ein Zweifel an dieser Macht würde den Zauber zerstören. Der Geist würde unwiderruflich schweigen und alle meine Wissenschaft würde an neuen Beschwörungen scheitern. Damit Sie aber nicht wieder in diesen Fehler verfallen, so will ich Ihnen einen Beweis von der Macht dieses Geistes liefern."
Die Alte zog nun einen neuen Kreis mit ihrem Sy- komorenzweige, und nachdem sie ein anderes Pulver in die Flamme geworfen, rief sie:
„Sohn der Finsterniß, ich beschwöre Dich, vor dieser ungläubigen Frau das lebende Bild des Mannes erschein nen zu lassen, das in diesem Augenblick ihre Gedanken beherrscht!"
Eine Rauchwolke erhob sich in Form eines Vorhanges, breitete sich aus, indem sie lichter ward, zertheilte sich plötzlich und ließ eine menschliche Gestalt sehen, die neben dem Kohlenbecken stand.
Das Fräulein trat hastig vor, und betrachtete die Erscheinung. Es waren die Züge Buckinghams.
Bestürzt, außer sich, streckte sie die Arme aus, um diesen theuern Schatten zu umfangen.
O Wunder! sie glaubte einen wirklichen Körper an ihren Busen zu drücken; sie fühlte einen feurigen Kuß ihre Umarmung erwiedern.
Von Schrecken, Ueberraschung und Scham ergriffen, verbarg sie von Neuem ihr Antlitz in ihre beiden Hände.
Als sie die Augen wieder öffnete und das Haupt wieder erhob, war die Gestalt verschwunden.
Die Stimme des Geistes ertönte alsbald wieder in ihren Ohren:
„Glaubst Du jetzt, daß es Dir leicht sey, einen Wunsch auszusprechen, den ich nicht erfüllen kann?"
„Ich glaube, daß Deine Macht unbeschränkt ist, erwiederte das Fräulein unterwürfig; auf beiden Knieen flehe ich Deine Macht an."
„Habe ich Dir nicht den erhabenen Willen meineS Herrn zu erkennen gegeben? An Dir ist es, zu befehlen, an mir, zu gehorchen."
„Nun denn, rief daS Fräulein leidenschaftlich, nimm der Königin, um mich zu beschenken, die Anmuth, welche verführt, den Geist, der bezaubert, die Schönheit, welche