Der Wanderer.
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1849. — JVs 148.
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t Die sieben Küsse Buckinghams.
(Fortsetzung)
An demselben Tage nun, wo Buckingham, indem er dem Stolze des Fräuleins von La Rochefoucauld schmeichelte und in dem Herzen des Fräuleins von Liancourt die Flamme der Eifersucht entfachte, mit so viel Glück über die ersten Schwierigkeiten seiner Aufgabe gesiegt hatte, wartete Fräulein von Grancey vergeblich auf den Besuch ihres Wirthes.
Es war dies eine fast unerklärliche Vergessenheit von Seiten Meisters Andre, dessen Pünktlichkeit zum Sprichwort geworden war.
Fräulein von Grancey fühlte anfangs eine gewisse unbestimmte Unruhe, gleichsam als Vorgefühl eines Unglücks. Die Augen auf die Uhr geheftet, sah sie mit stets wachsender Aengstlichkeit Minuten, Viertel-, halbe, ja ganze Stunden verstreichen. Endlich ihrer nur zu gerechten Ungeduld nachgebend, rief sie ihre Dienerin, und befahl ihr, Meister Andre in dem Hotel, in der Stadt, überall aufzusuchen, und ihn todt oder lebendig her zu bringen.
Die Dienerin brauchte nicht sehr weit zu gehen; zwei Minuten waren nicht verflossen, als sie den Strafbaren ganz bestürzt vor seinen erzürnten Richter führte.
„Ich glaubte Sie todt oder wenigstens krank, sagte Fräulein von Grancey in ernstem Tone; ich hoffe, daß Sie mir eine genügende Entschuldigung für eine Verzögerung angeben werden, die meiner Abendmahlzeit sehr Eintrag thun kann."
„Soupirt denn Madame hier?" fragte Meister Andre mit tiefer Verwunderung.
„Ich glaube nicht, Ihnen etwas gesagt zu haben, das Sie das Gegentheil kann vermuthen lassen."
Meister Andre drehte seine Baumwollenmütze in der Hand hin und her.
„Oh! mein Gott, Madame, ich muß geträumt, den Kopf verloren haben... Ich glaubte fest, Sie gingen die, sen Abend zur Königin; ich möchte darauf schwören, Sie hätten mir das gesagt... und doch, nachdem, was Madame mir zu sagen die Ehre anthut, ist es offenbar, daß i$ mich lâusche; ich werde mich niemals über diese Dummheit trösten."
„Betrüben Sie sich nicht, unterbrach Fräulein von Grancey, sich wieder besänftigend, ich will gern einen ^Irrthum vergessen, der übrigens der erste ist, über den jch mich zu beklagen habe. Das Uebel ist übrigens nicht unheilbar, Sie werden mir eine Ihrer würdige Genugthuung geben, indem Sie Ihre Anstrengungen für diesen Abend verdoppeln."
Unser bestürzter Wirth antwortete nur mit einem langen Seufzer.
„Nun, fragte Fräulein von Grancey, haben Sie mich nicht verstanden? Ich vergebe Ihnen."
„Ach! Madame, ich bin Ihrer Vergebung nicht werth; mein Vergehen ist weit größer als Sie denken..."
„Was haben Sie denn gethan? Reden Sie... Sie beunruhigen mich!"
„Ach, ich will Ihnen sagen, was mir begegnet ist."
Meister Andre machte ungeheure Anstrengungen, um sich ein Ansehen von Glaubwürdigkeit zu geben.
„Vor zwei Stunden ungefähr stieg ein Fremder in meinem Hotel ab..."
„Welche Beziehung hat dieser Fremde mit meinem Souper?"
„Eine weit größere, als mir und Ihnen lieb ist... das heißt, er wird Alleö essen."
„Meister Andre!"