Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Rassauischeu Allgem. Zeitung.
1849. — â 14»
f Die sieben Küsse Buckinghams.
(Fortsetzung)
Voller Indignation gegen den Bauern, erzürnt gegen den Grafen, befand sich Fräulein v. Liancourt in einem schwer zu beschreibenden Zustande von Aufregung; sie erröthete und erblaßte wechselsweise; Thränen der Wuth standen in ihren Augen; ihr ganzer Körper zitterte. Blitze schossen aus ihren Augen, als wenn sie den Elen- den niederschmettern wollte, der so wenig Achtung gegen sie bewiesen; in Ermangelung des Grafen ward er das voraussichtliche Opfer ihrer Wuth .. . doch hatte er noch nicht Alles gesagt und sie wollte Alles wissen!
Das Gefühl der Eifersucht war stärker als das deS verletzten Stolzes.!
„Sagt schnell denn Alles, was Ihr mir zu sagen habt!"
Georges hatte seine Festigkeit und Ruhe wiedergefunden.
„Madame hat Beweise verlangt; ich kann ihr die Gelegenheit verschaffen, mit eigenen Augen Alles zu sehen, was ich gesehen habe."
„Mein Gold, mein Geschmeide, mein ganzes Vermögen, wenn Ihr mich nicht täuschet!"
„Ich .verlange nur, daß der Herr Graf sich nicht mehr um Perrine beunruhige und daß er zu seinen Promenaden einen andern Ort als ihre Meierei wähle.
„Seid ohne Sorgen, das sei meine Sache."
„Dann habe ich Ihnen noch eine Bemerkung zu machen: Sie scheinen mir etwas heftig; ich kann Ihnen vor einigen Tagen Nichts zeigen; wenn Sie gleich in Zorn gerathen, so ist dies das Mittel, Alles zu verderben."
Ein Lächeln überflog die Züge von Fräulein von Liancourt:
„Sie kennen die Frauen schlecht, Herr GeorgeS: ein Monat, ein Jahr Wartens und Verstellung, wenn es seyn muß, um ihn zu überführen und mich zu rächen!"
„Ich verlange weiter nichts. Als sie gestern schieden, sagten sie zu einander: Auf Samstag, an der Quelle des heil. Jakob, neun Uhr Abends."
„Samstag!"
„Wir haben heute Mittwoch; in vier Tagen also, wenn Sie wollen."
„In vier Tagen! rief Fräulein von Liancourt, in vier Tagen wird meine Rache befriedigt!... Doch jetzt, fuhr sie fort, einen Blick voll Verachtung auf Georges fallen lassend, entfernt Euch! Wegen des Dienstes, den Ihr mir eben erwiesen, will ich Eure Frechheit nicht züchtigen lassen."
Georges ging rücklings hinaus, bis zur Thüre wechselsweise grüßend mit seinen beiden Füßen und mit dem Hute, den er in beiden Händen hielt.
Was machte Martha während vieser Zeit?
Martha befand sich in ihrem Zimmer, wo sie an jedem Finger den herrlichen Brillantring versuchte, den Buckingham ihr sür das Gebetbuch gegeben, dessen er sich als Mittel der Einführung bedient hatte.
XL
Fräulein von Grancey war eine ganz artige, ganz kleine, ganz runde Person, mit hellbraunen Haaren, und Lippen, die jedesmal, wenn sie lächelte, zwei herrliche Reihen weißer Perlen sehen ließen. Ihr etwas volle Gestalt war ziemlich hübsch, und in der Falte, welche ihre milchweiße Hand von ihrem runden Arme trennte, lag ein eigenthümlicher Reiz, ebenso in den auf ihren Fingern sich befindenden Grübchen.
Die Physiognomiker, welche in den Gesichtözügen