Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 144.
f Die sieben Küsse Buckinghams
(Fortsetzung)
Die Unterhaltung spann sich in diesem Tone fort, ohne daß Fräulein von La Rochefoucauld daran zu denken schien, sie zu enden.
Nicht allein übte Buckingham durch seine Schönheit, seinen Geist und seine Anmuth jenen Reiz, aus dem Niemand widerstehen konnte; auch war sie halb vor Stolz berauscht, bei dem Gedanken, den Mann zu ihren Füßen zu sehen, der seit seiner Erscheinung alle seine Nebenbuhler überlaufen und alle weiblichen Köpfe deS Hofes verdreht hatte, dessen Name in jedem Munde, dessen Bild in allen Herzen war, wit einem Wort, das Ideal des Tages, der Mann nach Der Mode.
AlS der Moment der Trennung kam, hatte die Unterhaltung so rasche Fortschritte gemacht, daß das Wort „Stelldichein" den Lippen entglitt, ohne daß von einer Seite eS als ein Akt übermäßiger Verwegenheit betrachtet werden konnte, noch daß man auf der andern Seite sich verbunden glaubte, einen sehr großen Unwillen deßhalb zu zeigen.
Jedoch stammelte Fräulein von La Rochefoucauld, ohne Zweifel zur Beruhigung ihres Gewissens eine sehr verwirrte, furchtsame Weigerung, die geeignet war, den Herzog zur Verdoppelung seiner Bitten anzufeuern.
„Ich sehe überhaupt nicht ein, sagte sie endlich zu ihm, warum Sie mich nicht ein zweites Mal auf meine Morgenpromenade begleiten sollten."
„Morgenpromenade ! ach! mein Fräulein!" sagte Buckingham.
„Aber Herr Herzog, wie mir scheint, ist es doch nicht gebräuchlich, Abends spazieren zu fahren."
„Man hat Unrecht, mein Fräulein, denn nur dann ist man wahrhaft frei, sich den sanften Träumereien des
Herzens zu überlassen. Blick und Gedanke werden nicht von jenem Haufen Gleichgültiger zerstreut, die bloS in der Absicht herkommen, um zu thun, wie Jedermann. Oh! wenn Sie wüßten, wie man weit besser in der Stille und Einsamkeit einander versteht, wie der Geist und das Herz sich bei dem unwiderstehlichen Reize erheben, den die mysteriöse Färbung der Nacht der Natur verleiht!
Zu diesen Worten fügte Buckingham noch Tausend andere von gleicher Gewalt; Fräulein v. La Rochefoucauld hätte viel Abneigung zeigen müssen, wenn sie nicht davon besiegt worden wäre.
Man kam also überein, sich am Abende deS folgenden SamstagS um 9 Uhr zufällig an dem Thore von Amiens zu treffen, um die Schilderungen des poetischen Buckingham zu erproben.
Im Augenblicke deS Abschiedes befand sich die weiße Hand der Fräul. v. La Rochefoucauld ganz natürlich ohne Handschuh auf dem Rande deS Wagenschlageö; ganz natürlich ebenfalls ließ sich Buckingham, indem er sich zum Gruße neigte, die Gelegenheit nicht entschlüpfen, seine Lippen darauf zu drücken.
X.
Wir bitten unsere Leser, einige Stunden vorübergehen zu lassen und sich mit unS nach dem Gemache von Fräulein v. Liancourt zu begeben, einem andern Ehrenfräulein, dessen Name Buckingham auf sein Täfelchen mit dem Prädikate Zorn verzeichnet hatte.
Alles war im Aufstand in dem Hotel, wo sie wohnte. Die erschreckte Dienerschaft lief Trepp' auf, Trepp' ab, nicht wissend, welchen der zwanzig widersprechenden Befehle, die ihnen gegeben wurden, sie zuerst ausführen sollte.
Fräulein v. Liancourt selbst eilte einer unauSsprech-