Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1849. — â 131.
t Der Mühlstein.
Don Hessen Landgraf Philipp war stark und hochgemuth, ES wallte in den Adern ihm heiß daS junge Blut;
Und manches Wort erglühend und scharf wie Stahl erklang Von seinem Mund, daS schneidend der Treuen Herz durchdrang.
Derselbe edle Landgraf Hatt' einen Diener werth, Der war Heinz Lüder, weithin im Hessenland geehrt;
Von Leibe klein und mager, am Geiste hoch und stark, Der Arm, zum Schwert gestâhlet, war voll von Heldenmark.
Hochherzig war der Landgraf, sein Diener kleiner nicht;
Der edle Heinze Lüder trug oft des Zorns Gewicht, DeS Fürsten hastig Schmähen, trugS viele Jahre lang: Ein Wort nur endlich tüdtend wie Giftpfeil ihn durchdrang.
Da trat er fest und muthig vor feinen Fürsten hin: „Entlaß' mich, meine Treue hat bei Dir schlecht Gewinn! Nicht länger kann ich tragen, Herr, Deines Zornes Last!" Da lächelnd mild der Landgraf des Dieners Rechte faßt:
„Wenn von des Berges Gipfel ab rollt ein Mühlenstein, Und Du entgegenstemmest — Du wirst zerschmettert seyn. Laß rollen ihn zu Thale, dann heb' ihn auf in Ruh: Sieh', treuer Heinz, so sind wir einander, ich und Du."
Das Wort traf Heinzens Herze, er schlug die treue Hand Frisch in des Fürsten Rechte und blieb im Vaterland. Der Herr war hohen Sinnes, der Diener kleiner nicht: Bald kam die Zeit, wo Treue gar schwer lag im Gewicht.
C-s.
i Die sieben Küffe Buckinghams.
(Fortsetzung)
Mitten in dieser Alternative, wohin sie Pflicht und Leidenschaft, Furcht und Hoffnung trieben, sah Anna von Oesterreich schnell die Stunden des Tages verfließen,
welchen die Langeweile auf so eintönige und trübselige Weise begonnen hatte.
„Was ist Dir geschehen?" fragte sie, als sie die Traurigkeit der Ehrendame bemerkte.
Katharina, zu den Füßen der Königin liegend, nahm eine ihrer Hände und bedeckte sie mit Küssen und Thränen.
Anna von Oesterreich drang in sie:
„Du weinst! was ist denn die Ursache Deiner Aufregung? Du versetzest mich in tödtliche Unruhe. Rede und verbirg mir nichts; ich will Alles wissen!"
„Ach theure Herrin, welches Unrecht!"
„Wieder eine neue Verfolgung! muß ich denn nicht auf Alles gefaßt seyn, gute Katharina!"
„Richt die Verfolgungen sind eS, was mich betrübt, Madame. Um sie zu bekämpfen, bedarf eö nur Muth und Geschicklichkeit. Ich weiß übrigens, daß Frau von Lannoy an den Kardinal verkauft ist, und von ihrer Seite mich nichts überraschen darf."
„Von dem Augenblicke an, als Du mir eine üble Nachricht zu bringen hattest, argwöhnte ich bereits, daß die Gräfin derselben nicht fremd sey. Diese Frau hat eine gefühllose Seele, ein böses Herz, einen grausamen Sinn. Sie ist nicht mehr jung; sie war niemals schön, die Jugend und Schönheit sind Epigramme, wofür sie sich rächt."
„Aber keine Seele und kein Herz zu haben, wenn man schön und jung ist."
„Das ist ein Ungeheuer."
„Nicht wahr, Madame? ... doch haben diesen Nachmittag meine Gefährtinnen einen betrübenden Beweis geliefert."
„Ach! ich habe Dir mehr als einmal gesagt, was ich von ihnen halte. Sage mir, welche Treulosigkeit haben meine Ehrendamen sich zu Schulden kommen lassen."
„Wir waren alle bei Frau von Lannoy versammelt,