Der Wanderer.
Belletristisches > Beiblatt zur Naffmischen Slllgcm. Zcitimg.
1849. — â 189.
f Die sieben Küffe Buckinghams.
(Fortsetzung)
Anna von Oesterreich langweiltelsich königlich in dem großen Hotel zu Amiens. Seit zwei Stunden lag sie auf einem Ruhebette in einer Niedergeschlagenheit, die glauben lassen konnte, daß sie leidend sey, wenn nicht der Glanz ihrer Augen und die Frische ihrer Farbe das Gegentheil bezeugt hätten.
Zu ihren Füßen saß auf einem Tabouret nachlässig die schöne Katharina von Angennes, von welcher der Graf von Fargy sagte, sie habe wohl die Kraft zu widerstehen, aber nicht zu triumphiren. Die träumerische Niedergeschlagenheit, die das Feuer ihrer Augen auslöschte, die Weichheit ihrer Bewegungen, Anzeichen ihres Charakters, gaben ihrer Schönheit eine unwiderstehliche verführerische Macht. Ihre Füße waren so klein und zart, daß man bei ihrer Bewunderung die Abneigung begriff, die sie gegen die Anstrengung des Gehens zu empfinden schienen.
In geringer Entfernung befand sich an einem kleinen Tische eine dritte Person.
ES war die Gräfin von Lannoy, die Oberaufseherin im Hause Anna'S von Oesterreich.
Sie beschäftigte sich mit einer Nadelarbeit, einzig um sich eine Haltung zu geben, doch waren ihre unruhigen Blicke mehr auf die Königin als auf die Arbeit gerichtet.
Sie schien sich durchaus nicht mit dem Gedanken zu beunruhigen, ob ihre Gegenwart angenehm oder lästig sey. Zum Dienste der Königin bestimmt empfing fie nicht von ihr, sondern von einer höhern Macht Befehle, die sie mit einer Pünktlichkeit vollzog, die zur Verzweiflung bringen konnte.
Besonders seit einigen Tagen mußten neue Instruktionen die schon übermäßige Strenge dieser Befehle noch verschärft haben, denn niemals hatte Frau von Lannoy sich so unzertrennlich von Anna von Oesterreich gezeigt. Sie war so zu sagen ihr Schatten geworden. Wenn die Königin sich setzte, setzte auch die Oberintendantin sich. Stand die Königin auf, so empfand ebenfalls Frau von Lannoy das Bedürfniß, nicht mehr zu sitzen. Ging die Königin, so ging auch Frau von Lannoy, und immer nahe genug, daß ihr Argusauge keine Geberde, keine Bewegung, kein Zeichen verlor.
Seit dem Morgen waren diese drei Personen also in dem Salon zusammen. Die Königin langweilte sich. Die Gräfin paßte auf. Katharina von Angennes ließ langsam ihren Blick von Einer zur Andern gleiten, als wenn fie den günstigen Moment zu einem Wagniß abwarte. Augenscheinlich war ihr die Gegenwart der alten Gräfin hinderlich.
„Liebe, lies mir ein Kapitel auS der Alcidiana deö Herrn Voiture vor, sagte die Königin."
Das Ehrenfräulein nahm eine Papierrolle vom Tisch; eS war das Manuskript der Alcidiana. Doch hatte sie noch nicht mehr als drei oder vier Zeilen durchlaufen, als ihre Gebieterin sie unterbrach.
„Genug, sagte sie, daS Werk bietet kein Interesse. Die Personen reden nicht die wirkliche Sprache der Leidenschaft. Gib mir die Stickerei, die ich für den Hauptaltar der Kirche zu AmienS bestimmt habe."j
Beim dritten Stiche hielt die Hand der Königin inne:
„Mein Gott! sagte sie, einen Seufzer auSstoßend, wie abgeschmackt mir heute diese Arbeit vorkommt. Wollen wir eS nicht einmal mit der Musik versuchen?"
Doch die Musik hatte ebensowenig Glück als das