Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Raffaiiischeu Allgcni. Zeitung.
1849. — â 138
f Die sieben Küsse Buckinghams.
(Fortsetzung)
Die Stimme Fargy's zog Buckingham aus seiner Ertase, und ruhiger werdend, antwortete er ihm:
„Graf, Sie haben sich nicht getäuscht. Sie haben jetzt den ergebensten Freund an mir."
Dann fuhr er nach einem Augenblicke Nachdenkens fort:
„Wenn ich die Königin nicht wiedersehe, muß ich sterben. Ich will sie noch einmal sehen, ein einziges Mal, bevor ich Frankreich verlasse."
„Woran denken Sie, Herr Herzog, rief Fargy, von diesem plötzlichen Entschlusse erschreckt. Bedenken Sie die Gefahren .. ♦"
„Gefahren! Ich kenne keine, sagte Buckingham, von diesem ihm stets unangenehm klingenden Worte gereizt. Ich gehe nicht eher zu Schiffe, bis ich Anna von Oestreich gesehen, sollte auch Richelieu meinen Abschied unterzeichnen, sollte auch der König Ludwig XIII. den Gesandten England's in mir beleidigen, sollte auch der Krieg zwischen beiden Völkern ausbrechen und der Blitz mich zermalmen! Möge man mich mit einem Heere von Spionen umgeben, ich werde sie doch Alle überlisten. Möge man eine Mauer von Musketieren um den Palast der Königin ziehen, ich werde sie übersteigen. Was kümmert mich das Sterben, wenn ich nur zu Ihr gelange, ehe der letzte Tropfen meines Blutes dahin ist, ehe der Tod mich verhindern kann, ihr die beiden süßen Worte zu wiederholen: Ich liebe Sie! Ja! Richelieu behandelt mich als Dieb, ich will auch als Dieb handeln, ich will als Dieb sterben, aber der Dieb wird von derjenigen geliebt, die aus dem Kardinal einen Taschenspieler gemacht und sich über ihn und seine komischen Seufzer belustigt hat."
Als Buckingham aufhörte zu reden, fragte Fargy:
„Sie fürchten also nicht, gnädiger Herr, die Königin zu kompromittiren, waS sagte ich? sie sogar in den Augen des Königs und der ganzen Welt zu Grunde zu richten, als Belohnung für daS Wohlwollen, das sie Ihnen gezeigt?"
Eine düstere Wolke breitete sich über die Stirne deS edlen Engländers.
„Sie sind ein treuer Diener, Herr von Fargy, versetzte er endlich, doch suchen Sie nicht, mir abzurathen. Doch seyen Sie nur ruhig. Georges Villiers triumphirt nicht mit der Ehre der Frauen. Um Anna von Oestreich wiederzusehen, werde ich alle nöthige Vorsicht anwenden. Ich reise noch heute von Boulogne nach Ami- enS. Ein Vorwand wird mir nicht fehlen. Ich werde Frau Henriette um irgend einen Auftrag bitten ... wäre es auch der unbedeutendste... Einen Brief für die Königin-Mutter.. . man wird keinen Argwohn haben. Jetzt will ich Sie um einen Beweis Ihrer Ergebenheit bitten."
„Reden Sie, erwiderte Fargy."
„Die Emiffâre des Kardinals werden Sie ohne Zweifel in Boulogne suchen. Eilen Sie auf der Stelle nach Amiens zurück."
Der Graf verneigte sich und band sein Pferd los.
„Die Königin wird also von Ihnen erfahren, fragte der Herzog mit erregter Stimme, daß ich ihr Bild erhalten habe?"
„Mit welcher Freude wird sie eS vernehmen."
„Sie werden ihr auch sagen, daß ihr ergebener Diener noch einmal das Glück haben wird, sich zu ihren Füßen zu werfen, sollte es auch mein Leben kosten."
„Ich werde es ausrichten."
„Gott behüte Sie, Herr von Fargy!"
„Viel Glück, Herr Herzog!"