Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — .1" 187.
f Die sieben Küffe Buckinghams.
(Fortsetzung)
Die beiden Freunde, die so plötzlich in wüthende Feinde verwandelt waren, stiegen sogleich ab. Nachdem sie ihre Pferde an zwei Baumstämme gebunden, wählten, sie eine kleine Lichtung, die durch einen Fluß und eine Hecke von Hagebutten von dem Wege getrennt war, zum Kampfplatze und machten auf höfliche Weise einander die gebräuchliche Begrüßung.
Plötzlich rief der Unbekannte:
„Einen Augenblick, mein Herr! Nach Ihren Manieren und Worten zu urtheilen, muß ich Sie für einen ausgezeichneten Edelmann halten, dagegen glaube ich auch, daß Sie sich nichts vergeben, wenn Sie das Eisen mit mir kreuzen. Indessen wäre es doch wohl angemessen, uns nicht wie Pagen und Lakaien zu betragen, die aus dem Wirthshause kommen, ohne zu wissen, mit wem wir zu thun haben."
„Nichts ist billiger, sagte der Ergefangene. Ich heiße Graf von Fargy."
»Und ich bin der Herzog Georg VillierS von Buckingham."
„Achtung! Herr! rief der Herzog ungeduldig; Sie geben sich eine Blöße."
Herr von Fargy ließ seinen Degen sinken.
„Wie! werden Sie toll? rief Buckingham. Wollen Sie sich denn wie ein Huhn schlachten lassen?"
Der Graf trat zu ihm, und sagte, sich tief verneigend:
„Herr Herzog, ich habe mich wie ein Schüler betragen. Ich bitte Sie, meine Entschuldigungen anzunehmen."
Buckingham rief mit abweisender Geberde zurück:
„Ich sah Sie eben mit dem Degen in der Hand und
Blitzen in den Augen lieber. Sie sind ein zu höflicher Edelmann, Herr Graf von Fargy."
Dieser Letztere warf seinen Degen von sich, und antwortete stolz, die Arme über die Brust kreuzend:
„Einen waffenlosen Ritter zu beleidigen, ist Ihrer nicht würdig, mein Herr. Der Grund zu unserm Streite eristirt nicht mehr, jeitdem ich Ihren Namen weiß, denn meine Geliebte, sür die ich auf's Aeußerste zu kämpfen bereit war, konnte nur einer einzigen Frau auf der Welt den Vortritt gestatten."
„Und diese Frau?" fragte der Herzog neugierig.
„Es ist die edle Dame, deren erklärter Ritter Sie sind, Herr Herzog."
Buckingham empfand einen Eindruck von Mißtrauen und Verdacht, der ihn antrieb, unruhige Blicke um sich zu werfen. Er umspannte den Griff seines Degens fester und fragte sich, ob er nicht mit einem Spione des Kardinals zu thun habe. Dann seinen Gegner anblickend, sagte er mit ironischem Lächeln:
„Mein Herr, Ihre Kourtoisie gegen die Dame meines Herzens berührt mich auf daS Aeußerste. Erlauben Sie mir indeß, Ihnen zu bemerken, daß ich sie nicht genannt habe, und daß ein Versuch, sie zu errathen, eine Indiskretion ist, die ich als eine neue Beleidigung betrachten müßte."
„Ich bewundere die Zartheit Ihrer Gefühle, Herr Herzog."
„Und ich die Größe Ihres Scharfsinnes, Herr Graf."
„Sie können ganz auf meine Ergebenheit rechnen, noch ehe ich drei Worte gesprochen, werden Sie über meine Absichten beruhigt seyn und den Degen einstecken."
Der Herzog erröthete leicht.
„Glauben Sie denn, mein Herr, daß ich mich fürchte oder Ihnen mißtraue?" sagte er mit erregter Stimme.
Er warf ebenfalls seinen Degen zehn Schritte von sich.