Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — .4" 183.
f Die sieben Küsse Buckinghams.
(Fortsetzung)
In geringer Entfernung von dem Tische, fast über dem Haupte des Sergeanten, der während der vorbeschriebenen Scene eingeschlafen war, befand sich ein großer Haken mit fünf gekrümmten Spitzen, wie man deren noch heutzutage in den Küchen einiger Bauernhäuser sieht. Dieser Haken war an einem dicken Seile befestigt, daS, nachdem es durch eine in der Decke eingeschlagene Klammer gezogen worden, von der Mauer herabhing und um eine Winde geschlungen war. Man hing Viertel von Ochsen, halbe Schweine, überhaupt alles Fleisch daran auf, das den Vorrath des Wirthshauses ausmachte. Die, sen Abend hatte der Wirth zur Befriedigung seiner Gäste seinen ganzen Vorrath erschöpft, der Haken befand sich daher leer.
Unser Reisender, der seinen Platz wieder eingenom, men, dachte über die verschiedene Art und Weise nach, eine bisher so glücklich geführte Unternehmung zu Ende zu bringen. Sein erster Gedanke bestand darin, den Sergeant ungestüm zu wecken, und ihn mit dem Degen in der Hand zu zwingen, seinen Gefangenen frei zu geben. Dieses Mittel bot einigen Anschein, von Erfolg; der trunkene Zustand, worin sich der andere Bogenschütze befand, ließ nicht erwarten, daß er seinem Chef zu Hülfe kommen könne. Was den Wirth anlangt, so stand es nicht sehr zu befürchten, daß er Partei nehmen sollte gegen einen Mann, dessen Börse sich mit solcher Leichtigkeit öffnete.
Er stand daher auf, und schon war seine Hand im Begriff, auf die Schulter des Sergeanten niederzufallen, als der Zufall es fügte, daß sein Blick den Haken traf, dessen wir eben Erwähnung gethan.
Sogleich schoß ihm ein spaßhafter Gedanke durch den Kopf, den er auf der Stelle auszuführen beschloß.
Der Wirth kehrte in das Zimmer zurück; der Reisende zog einen Haufen Gold- und Silbermünzen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.
„Das ist für Sie, Meister."
Das Erstaunen und die Freude des Wirths waren so groß, daß er unbeweglich blieb, mit aufgeriffenen Augen und stammelnd sprach:
„Großen Dank, gnädiger Herr; Gott erhalte die Tage Ew. Herrlichkeit!"
„Doch verlange ich dafür einen Dienst."
„Ich gehöre Ihnen mit Leib und Seele."
„Stellen Sie sich neben diese Winde."
„Da bin ich."
„Machen Sie das Seil los und lassen Sie den Haken herunter."
„Es ist geschehen."
„Gut."
Der Reisende befestigte vorsichtig einen der Zähne des Hakens zwischen dem Gürtel und der Kleidung des Sergeanten.
„Ziehen Sie jetzt," sagte er zum Wirthe, dessen Verwunderung immer mehr stieg.
Dieser letztere, dessen Gefälligkeit so freigebig belohnt wurde, nahm sich keine Zeit zum Nachdenken, sondern fügte sich gewissenhaft dem Verlangen des Fremden.
Der Wirth hatte kräftige Arme, doch der wohlgenährte Sergeant besaß gerade keine sylphidenartige Leich, tigkeit: indessen ward er doch langsam und majestätisch hinaufgezogen.
„Entweder sehe ich trübe," rief der Bogenschütze, wobei er aufzustehen versuchte, „oder mein Sergeant stiegt davon."
Da jedoch seine Füße ihm den Dienst versagten, so