Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauische» Allgcm. Zeitung.
1849. — M 181.
i Die Sieben Küsse Buckinghams.
, (Fortsetzung)
Der Reisende verfolgte mit Aufmerksamkeit diese Scene, die jeder Andere ziemlich unbedeutend gefunden hätte, als der Wirth des gekrönten Pferdes wieder im Saale erschien.
„Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Edelmann. Was soll ich Elv. Herrlichkeit zum Abendessen auftragen?"
„Beschäftigen wir uns zuerst mit einer andern wich, tigen Angelegenheit. Haben Sie einen flinken Burschen hier, auf den man zählen kann?"
„Ach nein! Pierre ist fort, wie ich bereits die Ehre hatte, Ihnen mitzutheilen, doch in Ermangelung seiner kann ich . .."
„Sie! unterbrach der Reisende lächelnd; gut denn! satteln Sie ein Pferd, reiten mit verhängtem Zügel nach Montreuil, stellen Sie sich dem Gouverneur vor, den Sie aufwecken lassen; fragen Sie ihn nach einem amaranth- farbenen Portefeuille, das ich heute Morgen auf seinem Schreibtische habe liegen lassen und kehren Sie zurück, ohne eine Minute zu verlieren. Vorwärts!"
Der Wirth betrachtete den Reisenden mit einer Miene unaussprechlicher Verwunderung.
„Haben Sie mich nicht verstanden? fuhr der Edel« mann fort. Die Sache ist wichtig; eine Botschaft des Herrn Kardinal von Richelieu an Se. Majestät die Königin von England... es ist ein Versehen, das ich in der Eile der Abreise begangen habe; ich bin zu ermüdet, um selbst nach Montreuil zurückzukehren; man erwartet mich auch morgen bei Tagesanbruch zu Boulogne. Vorwärts ! Eilen Sie! Eifer und Schnelligkeit! Sie werden es nicht zu bereuen haben."
„Aber, warf der Wirth kläglichen Tones ein, indem er den Reisenden durch Geberden einlud, einen Blick auf
seine Gestalt zu werfen, Ew. Herrlichkeit denkt daran nicht; wenn ich auch physisch im Stande wäre, Ihrem Verlangen zu entsprechen, so jähe ich mich dennoch genöthigt, cs abzuschlagen, da Niemand hier ist, um mich während meiner Abwesenheit zu vertreten."
„Dann holen Sie mir in der Nachbarschaft einen andern Boten; zwanzig Pistolen dem, der mir vor Tagesanbruch das Portefeuille zurückbringt."
Unser Reisender, der Sorge getragen, laut zu sprechen, konnte ein zufriedenes Lächeln nicht verbergen, als er Larose sich zu dem Ohre seines Sergeanten nei, gen sah."
„Ich sehe nichts Unpassendes in dem, was Ihr von mir verlangt, mein Braver, versetzte der Sergeant zu Larose; da eS sich um den Herrn Kardinal handelt und Ihr vor Tagesanbruch wieder hier seyn müßt, so werde ich Euch nicht hindern, von einer guten Gelegenheit zu profitiren... Es ist unnöthig, noch weiter zu suchen, lieber Wirth, wandte er sich an diesen; einer meiner Bogenschützen will den Auftrag übernehmen, wenn anders dieser Edelmann es erlaubt."
„Ich nehme es dankbar an," sagte der Reisende.
Er warf eine Börse auf den Tisch.
„Ich hoffe, daß dieses Handgeld den Eifer meines würdigen Boten beschleunigen wird."
Larose ergriff die Börse, ergoß sich in Danksagungen, empfing die Instruktionen des Edelmannes und eilte davon. Einige Minuten waren kaum verflossen, als man den Galopp eines Pferdes vernahm, das bald darauf in der Ferne verschwand.
„Einer! dachte der Reisende; es bleiben noch drei." III.
Der Wirth war mit der Mütze in der Hand vor Idem Reisenden stehen geblieben; er dachte nicht daran.