Der Wanderer.
öellctnstischkS Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — .1? 115.
I Erinnerungen an das Eoldatenleben.
(Schluß.)
So konnte ungefähr eine halbe Stunde verstrichen eyn, als der Ruf: Auf! Auf! von Mund zu Mund er# 'choll, der, wie früher stets, auch jetzt unsere kriegeS- und kampflustigen Soldaten wie mit einem Schlage elektri- sirte. Alles sprang plötzlich auf, Alles stand nach weni- gen Sekunden in Reihe und Glied unter den Waffen, vas Kommandowort schien kaum mehr nöthig zu seyn, nur einiger Blicke, einiger leisen Winke bedurfte es — und die Kolonne war bereits wieder im Marsche begriffen.
Von Zeit zu Zeit beobachtete ich meinen Freund P—n, der fortwährend noch ernst, doch in kräftiger militärischer Haltung — er war ein junger, blühender, rüstiger Mann — bei seinem Zuge einherschritt, und der, wie es mir vorkam', nun mit sich einig seyn mochte, daß der Mensch dem Krieger in diesem Falle untergeordnet sey, und der letzte Alles dem weisen Lenker des Schicksals anheim zu stellen habe.
Wir rückten unaufhaltsam immer weiter vor, drangen in die offenliegenden unbewachten Festungswerke ungehindert ein, vertheilten uns rasch, die vortheilhaften Punkte besetzend in denselben, nahmen die nicht aufgezogene, nur von einer einfachen Schilbwache besetzte Zugbrücke weg, und würden so ohne alle Hindernisse durch das offene Thor in die Stadt eingedrungen seyn, da sich auf unserm Wege dahin nur noch ein Pfahlereck vorfand, in dessen Mitte aber eine auch nicht verschlossene Pforte angebracht war, wenn nicht, trotz allen Verbots dennoch ein starker scharfgezielter Schuß aus unsern Gliedern gefallen wäre, der in einem Nu die schlaftrunkene Schildwache zu Boden und über das niedere Brückengeländer hinweg in den rauschenden Strom stürzte.
Dies verrätherische, für uns so nachtheilige Signal setzte den feindlichen Wachposten an der Brücke sofort in die schnellste Bewegung, und kaum 20 Schritte von dem Pfahlereck entfernt, wurde uns dessen Durchgangspforte plötzlich gesperrt, und wir von dem hinter demselben postirten Feinde mit einem Kugelregen begrüßt, der mehrere brave Streiter augenblicklich theis todt zur Erde niederstreckte, theils schwer verwundet in Unthätig- keit versetzte.
Zugleich hörten wir in der Festung den General- marsch schlagen und Sturm läuten, einige in der Nähe befindliche Gebäude füllten sich von Minute zu Minute mit Feinden, die aus diesen äußerst vorlheilhaften Stellungen sogleich ein so lebhaftes und wirksammes Feuer auf uns machten und unterhielten, daß wir, um nicht gänzlich zu Grunde gerichtet zu werden, uns bald hinter die äußere Brustwehre der von uns genommenen und noch inne habenden Werke auf den, kaum einen Fuß breiten Pallisadensteig zurückziehen mußten; bei welcher Gelegenheit denn auch dei, bis dahin behauptete Zugbrücke für uns wieder verloren ging, und von dem Feinde sogleich aufgezogen wurde.
Während dieser Vorgänge war ich bei Anstellung meiner Schützen auf vortheilhafte Posten, bei Einziehung von Nachrichten über sie, und während ich mit den Offizieren der mir zur rechten und linken Hand fechtenden Kompagnie Rücksprache nahm, öfters in die Nähe meines Freundes P—n gekommen, hatte denselben in lebendiger Thätigkeit erblickt, ihm auch zuweilen die Worte: „Siehst du wohl, du lebst ja noch immer" zugerufen, und er mir darauf: „Es ist noch nicht zu Ende, du wirst sehen!" zur Antwort gegeben; als unter wechselndem Glücke und bedeutendem Verluste von unserer Seite (denn jenen des Feindes konnten wir für den Augenblick noch nicht beurtheilen) wir eben so oft einen Schritt rückwärts thun