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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauische» Allgem. Zeitung.

1849. â 108.

/X Der sehwarze Bettler.

(Fortsetzung.)

XII.

Ein Rennen.

Am andern Morgen verließ Neptun frühzeitig sein Dachstübchen, um sein Tagewerk zu beginnen.

Anfänglich schritt er planlos der Vorstadt Saint- Germain zu. Nachdem er mehrere Stunden fruchtlos umhergeirrt war, langte er vor einem Palast in der Straße Grenelle an, dessen Hofthor halb offen war. Der Bettler warf einen neugierigen Blick hinein.

Er sah anfänglich nur eine Postchaise, welche mit vier guten Pferden bespannt war und von einem jungen Manne mit englischen Manieren und Reisekleidern sorg­fältig in Augenschein genommen wurde. Dies war es nicht, was er suchte. Er wollte schon seinen Weg fort­setzen, als eines der Pferde, mit dem der junge Mann hatte spielen wollen, einen Sprung vorwärts machte und die Postchaise fortzog, die im Hintergründe einen präch­tigen Wagen erblicken ließ. Bei diesem Anblicke blieb der Bettler überrascht stehen. Er betrachtete von Weitem genau die Kutsche.

Das ist sie!" rief er aus.

Er trat in den Hof und näherte sich dem jungen Manne, der Niemand Anders, als Herr Alfred Lefevre des Vallees war.

Was willst Du?" fragte ihn dieser, als er des Negers ansichtig ward;dies ist nicht der Weg in das Hotel Rumbrye."

Rumbrye!" wiederholte der Bettler erstaunt.

Man bettelt vor der Thüre," fuhr Alfred des ValleeS fort,nicht in dem Hof!"

Neptun antwortete nicht, sondern zog das sorgfältig

in ein weißes Blatt Papier gewickelte Sacktuch hervor und übergab es dem jungen Herrn.

Was ist daS?" rief dieser;auf Ehre, das ist ein Sacktuch der Marquise."

Er warf Neptun fünf Franken in die Hand und sagte:

Der Teufel soll mich holen, wenn daS nicht ein glücklicher Tag für Dich ist, Mohrenkopf."

Neptun zog sich zurück; statt sich jedoch zu entfernen, setzte er sich vor dem Hofthor auf einen Eckstein und wartete.

Er wußte jetzt, wo er die Frau zu suchen hatte, deren Züge denen des jungen Lavier so außerordentlich glichen, und deren Namen dieselben Anfangsbuchstaben zeigte, wie der Name der Mutter Laviers.

Aber er hatte noch etwas Anderes vernommen. Die­ses Hotel führte den Namen Rumbrye, den Namen des Schlosses, wohin sich Lavier begeben wollte. Eine Post­chaise stand auf dem Hofe. Gehörten Hotel und Schloß einem und demselben Eigenthümer?

Gerade als er diese Frage an sich richtete, schlug die nahe Thurmuhr zwei. Der Bettler stand rasch auf. Er hatte sich verspätet, und befürchtete, Lavier möchte wohl schon unterwegs seyn.

Eilig wollte er daher nach Saint Germain des Pres zurückkehren, als er Frau von Rumbrye, auf den Arm eines Mannes gestützt, die Treppe des Hotels herab- fieigen sah. Anfangs sah er nichts, als die Marquisin, und voll Freude, sich nicht getäuscht zu haben, murmelte er vor sich hin:

Sie ist's!"

Als er jedoch ihren Begleiter ansah, entfuhr ihm ein Ausruf des Staunens.

Er ist's!" sagte er.

Er hatte Laviers, und folglich auch seinen Feind gesehen, er hatte Carral erkannt.