Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1849. — M 103.
-----------—«WEL
△ Der schwarze Bettler.
(Fortsetzung.)
Er erzählte hierauf kurz, auf welche geheimnißvolle Weise ihm die Beträge seines Gehaltes jeden Monat ausgezahlt wurden.
Ein ungläubiges spöttisches Lächeln verzog den Mund des Richlers.
„Mein Herr, Alles, was Sie da sagen, kann wahr seyn, doch glaube ich es nicht. Ich hege den Verdacht, daß Sie mich hintergehen wollen, und da ich der Sache auf den Grund kommen muß, so sehe ich mich genöthigt, Ihre vorläufige Gefangennehmung zu befehlen."
In diesem Augenblicke drehte sich langsam die Thüre in ihren Angeln und das schwarze Gesicht des Bettlers ward sichtbar. Weder der Richter, noch Lavier bemerkten ihn, bis. er vor ihnen stand.
„Wie kommt es daß man Sie bis hierher hat vordringen lassen? Wer sind Sic? Was wollen Sie?" fragte der Richter, seine Stirne runzelnd.
„Meine nackten Füße machen keinen Lärmen," sagte der Reger; „ich bin der schwarze Bettler, ich will dieses Kind befreien ..."
Lavier warf auf den Reger einen zweifelnden und verwunderten Blick.
„Ich habe Alles gehört," fuhr der Bettler fort, „Sie fragen, wovon der junge Mann lebe; ich will es Ihnen sagen; Sie wollen, daß ein ehrenhafter Mann sich für ihn verbürge: hier bin ich."
Bei diesen Worten hob sich des Schwarzen Gestalt stolz in die Höhe, er kreuzte die Arme über die Brust. Der Staatsanwalt, aus dessen Lippen kurz zuvor noch ein spöttisches Lächeln geschwebt, nahm alsbald wieder seinen gemessenen Ernst an.
„Sprechen Sie," sagte er, indem er sich wieder setzte.
IX.
Guter Gebieter mein.
Der Bettler sammelte sich einen Augenblick.
„Der junge Mann hat Ihnen die Wahrheit gesagt," versetzte er; „er erhält jeden Monat 15 Louisd'or. Ich bin eS, der sie auf seinen Balkon wirft."
„Ihr!" rief Lavier, „Ihr kennet also?..."
„Wir sprechen davon, wenn wir allein sind," unter, brach der Schwarze.
Er wandle sich wieder an den Richter:
„Ich gebe ihm jeden Monat die 15 Louisd'or."
„Von welcher Seite?a
„Von der meinigen."
Der Staatsanwalt zuckte die Achseln. Der Reger fuhr fort, ihn unverwandt ansehend:
„Ja, von meiner Seite. Ich strecke die Hand bereits seit langer Zeit aus. Man kennt mich und Niemand geht vorüber, ohne seine Börse zu ziehen. Wenn ich wollte, so wäre ich sogar im Stande, ihm das Doppelte zu geben ..."
„Warum aber geben Sie ihm das?"
„Warum!" rief der Schwarze, dessen Züge tiefes Erstaunen verriethen; „Sie fragen mich, warum ich ihm das gebe?... Doch... nur für ihn bin ich Bettler geworden !"
Lavier war bleicher als der Tod. Der Staatsanwalt schien gerührt; ein wachsendes Mitgefühl zeigte sich in seinen ernsten Zügen.
„Sie reden wahr, braver Mann, ich glaube es," sagte er; „doch ist es eine seltsame Geschichte. Zu einer solch seltenen und gänzlichen Aufopferung gehören wichtige Gründe."
„Ich hätte noch viel Schwereres für ihn ausgeführt," entgegnete der Schwarze mit herzlicher Einfalt.